"Schraubengate" beim iPhone 5: Wie aus einem Hoax eine News wurde

Es war der Scoop des Tages: Via Reddit machte vergangene Woche die News von einer neuartigen asymmetrischen Schraube die Runde, mit der es Apple seinen Nutzern angeblich unmöglich machen wolle, iPhone, iPad und Co. aufzuschrauben. So logisch die Geschichte, so falsch war sie auch. Es war ein Web-Experiment, das einmal mehr zeigte, dass die Techblogszene eine Schraube locker hat.

Bewiesen haben uns das die Schweden. Genauer: die schwedische Designschmiede Day4, die sich die Frage stellte: Wie leicht verbreitet sich Nonsens angesichts eines bevorstehenden Produktstarts? Die knappe Antwort: verdammt schnell. Was war geschehen? Das Team hatte rund eine Woche zuvor ein Mailing in die Welt gesetzt, in dem man auf “diese neuartigen asymmetrischen Schrauben” hinwies. Es handelte sich um Renderings. Dann wartete man.

Einige Tage später tauchte die erste News dazu bei CultofMac auf. Weitere Blogs übernahmen die Informationen über die “Schrauben, mit denen Apple uns von seinen Geräten ausschließt”. Fortan diskutierten die Nutzer auf Twitter und Google+, auch Wired sprang auf den Schrauben-Zug auf. Der Clou: Mit jeder neuen Quelle wurde das Gerücht glaubwürdiger – und die Wahrscheinlichkeit stieg, dass an dem Gerücht doch tatsächlich etwas dran sein könnte.

Tatsächlich wollte Day4 mit dem ungewöhnlichen Web-Experiment die Anatomie eines Gerüchtes untersuchen. Der Grund liegt auf der Hand: Die Apple-Blogszene lebt von den Gerüchten. Das liegt in der Natur der Dinge. Abseits des Samsung-Prozesses gilt der Konzern als extrem verschlossen. Interna bleiben intern. Gerüchte werden nicht kommentiert. Über Produkte wird erst gesprochen, wenn sie auch vorgestellt werden.

Ohne Gerüchte geht es nicht

Wie sehr die Techbranche dann daneben liegen kann, zeigte sich im vergangenen Oktober. Denn Apple stellte damals nicht das viel diskutierte iPhone 5 vor, sondern ein iPhone 4S – ein überarbeitetes Modell. Das war bis dato kein Hindernis, auch weiterhin die Gerüchte um neue Komponenten der nächsten iPhone-Generation zu befeuern.

Schlimm ist das nicht, solange die Gerüchte auf Wahrscheinlichkeit abgeklopft und eingeordnet werden. Doch die Untersuchung von Day4 zeigte: 90 Prozent der Autoren nahmen die neuartigen Schrauben als Fakt hin, nur zehn Prozent blieben kritisch.

Solche News werden natürlich weiterverbreitet unter Apple-Fans. Und spätestens dann, wenn die Nutzer in den Social Networks darüber reden, ist aus einem Gerücht, das als Hoax begann, ein Fakt geworden. Und Fakten lassen sich nur schwer wieder aus der Diskussion verbannen. Für Apple problematisch daran ist die Imagebildung ohne Einflussnahme des Konzerns.

Schon die allererste Headline von CultofMac war derart wertend, dass sie die Marschrichtung für die gesamte Diskussion vorgibt: ein Konzern riegelt nicht mehr nur seine Software, sondern auch seine Hardware rigoros ab. Vielleicht wäre Apple an diesem Punkt gut beraten, von seiner “Kein Kommentar”-Strategie abzulassen, um künftigen Schaden zu vermeiden.

Stoff für neue Diskussionen

Auch wir bei m-magazin.net berichten oft über neue Gerüchte rund um Bauteile des iPhones und iPad und können uns nur schwer der Gossip-Industrie entziehen. Gerade die deutsche IT-Blogszene ist umso abhängiger von Neuigkeiten aus Übersee. Dort werden die Entscheidungen getroffen – im Silicon Valley.

Was bedeutet der jüngste Hoax für uns als Tech-Blogger? Sollten wir künftig nicht mehr über Gerüchte berichten? Nein, das kann nicht die Lösung sein. Dann würde es recht schnell sehr still werden in der Apple-Szene. Leser sollten ein Recht darauf haben zu wissen, was der Konzern aus Cupertino planen könnte. Dass wir damit oft nicht allzu falsch liegen, lässt sich durch die Vorab-Berichterstattung zum neuen iPad belegen. Schnell galten ein Retina-Display und eine bulligere Bauweise als recht wahrscheinlich für die neue Tablet-Generation – und so sollte es dann auch sein.

Allerdings hat uns das Day4-Experiment einmal mehr gezeigt, wie wichtig die permanente Einordnung der Quellen- und Informationslage ist. Nur so können Techblogs auch zur Diskussion beitragen. Auch wenn das bedeuten würde, auch einmal nicht über vermeintliche News aus Cupertino zu berichten – und mögen sie auch noch so abenteuerlich klingen.

(via)