Über Engpässe und das Geschäft mit der Angst

Auch wenn niemand von dem Erd- und Seebeben in Japan mehr betroffen ist als die Japaner selbst, sind die Auswirkungen der schwersten Katastrophe des Landes weltweit zu spüren. Viele fürchten eine nukleare Verseuchung und wollen sich schützen. Für manche eine willkommene Gelegenheit, mit der Angst der Menschen Geschäfte zu machen.

Seit bald einer Woche bestimmt das schwere Erd- und Seebeben in Japan weltweit die Schlagzeilen. Das vollständige Ausmaß ist noch längst nicht abzusehen; Nachbeben und Kälte erschweren die Bergungsarbeiten. Über allem schwebt die Angst vor einer nuklearen Katastrophe durch eine Kernschmelze, nachdem es offensichtlich nicht gelingt, die Reaktoren im Kernkraftwerk Fukushima ausreichend zu kühlen.

Auch wenn die radioaktive Gefahr rund 9.000 Kilometer entfernt ist, wirkt sich die Bedrohung auch auf Deutschland aus. Menschen kaufen Jodtabletten, Geigerzähler sind in Elektronikmärkten ausverkauft, und die Bundesregierung setzt die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke aus. Sieben Kraftwerke sollen sofort vom Netz. Die Warnungen der Politik vor weiteren katastrophalen Entwicklungen in Japan schwächt die Märkte.

Geschäft mit der Angst

Aber offenbar ist keine Katastrophe so groß, als dass sie nicht vom Einfallsreichtum einer Marketingabteilung übertroffen werden könnte. Gestern flatterte eine Pressemitteilung eines größeren deutschen Elektronik-Versandhandels in mein E-Mail-Postfach. Titel: “Angst vor verstrahlten Produkten: arktis.de prüft als erster Versandhändler alle Wareneingänge auf Radioaktivität!”.

Gerade Nutzer von Computern und Unterhaltungselektronik dürften hellhörig werden. Firmen wie Konica, Olympus, Canon, Sharp, Kyocera-Mita oder Ricoh produzieren ebenso in Japan wie Fujitsu Siemens, NEC, Hitachi, Nintendo oder Sony. Droht allen, die in Zukunft mit Elektronik aus Japan in Berührung kommt, die Verstrahlung?

Japan hat andere Probleme

Zunächst einmal haben die Japaner nach dem Erdbeben andere Probleme, als Produkte zu exportieren. “Im Moment findet praktisch kein Import statt”, sagt ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums. Ansonsten prüfen die Behörden eingeführte Waren standardmäßig auf Strahlenbelastung. Seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 wird die Umweltradioaktivität mit 1800 Messstellen in ganz Deutschland überwacht, und Lebensmittel sowie Futtermittel, darunter auch Fisch aus Japan und anderen asiatischen Ländern, werden stichprobenartig auf radioaktive Strahlen getestet.

Hamburg, das die meisten Lieferungen aus Fernost über den Seeweg erreicht, will zusammen mit Dienststellen des Bundes an einer neuen Verordnung arbeiten, die zudem festlegt, welche Waren wann geprüft werden müssen. Ferner ist mit der Ankunft betroffener Schiffen aus Japan frühestens im April in Hamburg zu rechnen.

Deutschland ist nur theoretisch weit weg

PR-Aktionen, die mit Eigeninitiative bei der Prüfung auf Radioaktivität punkten wollen, sind daher verfrüht und unnötig. Hier wird das Geschäft mit der Angst der Menschen gemacht. In der Mitteilung heißt es: “Deutschland ist zum Glück weit weg. Leider nur theoretisch. Denn der globale Handel sorgt dafür, dass fertige Produkte und einzelne Bauteile aus der Region Deutschland sehr schnell erreichen – und so in direkt die Haushalte gelangen.”

Und weiter: “Die ganze asiatische Region wird über kurz oder lang betroffen sein. Bedenken muss man auch, dass auch europäische oder amerikanische Hersteller Bauteile aus der Krisenregion verwenden. Niemand kann sich also sicher sein, dass ein neu eingekauftes Produkt auch wirklich strahlungsfrei ist.”

Engpass beim iPad 2

Berechtigte Sorge oder Panikmache? Das einzige, was zur Zeit sicher auf uns zu kommt, sind Engpässe bei bestimmten elektronischen Komponenten, da Transport und Stromversorgung in Japan stark eingeschränkt sind. Apple befürchtet Lieferschwierigkeiten beim neuen iPad 2. Der Preis für Nand-Chips sei am Markt schon um bis zu zehn Prozent gestiegen, so die Analysten von iSuppli. Verbraucher würden die Auswirkungen aber nicht sofort spüren. “Die globale Lieferkette hat einen Vorlauf von zwei Wochen. Engpässe werden daher erst Ende März, Anfang April auftreten.”

Via Enterprise Efficiency

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