The Pad: Wie Apples Ideen heutige Architektur beflügeln

Der Schlüssel in der Tür, der Fernseher in der Ecke, die Blümchentapete an der Wand – all dies könnte nach Meinung des Architekten James Law bald ausgedient haben. In der arabischen Boomtown Dubai entsteht gerade das erste „Musterhaus“ einer Vision, die eine perfekte Symbiose aus zeitgemäßer Architektur und moderner Technologie darstellen will.

Ein langer Arbeitstag liegt endlich hinter Ihnen. Ihre Haustür öffnet sich automatisch. Zeit für etwas Entspannung: Sie stecken Ihren iPod in ein Dock, das sich direkt neben dem Eingang befindet, und in der ganzen Wohnung ertönt Musik, deren Lautstärke Sie mit Ihren Worten kontrollieren. Sobald Sie das Wohnzimmer betreten, werden auf eine Videowand bereits Livebilder aus Ihrer Tausende Kilometer entfernten Heimatstadt übertragen – wenn doch nur nicht dieses Heimweh wäre.

Doch auch dem kann, jedenfalls ein bisschen, abgeholfen werden: Per FaceTime stellen Sie mit Ihrem iPad eine Verbindung mit der Familie her, und eine weitere Wand entpuppt sich als riesige Videoprojektion, die Sie am Leben der Daheimgebliebenen teilhaben lässt. Nachdem Sie den Kindern auf diesem Wege eine Einschlafgeschichte vorgelesen haben, besuchen Sie noch das hauseigene Wellness-Zentrum und genießen das Unterwasser-Konzert – und auch dieses wird mit Musik aus Ihrem iPod gespeist.

Schöne neue Welt ?
Nicht, wenn es nach James Fat-Lai Law geht. Der in Hongkong lebende Architekt, der gerade vom World Economic Forum zu einem Young Global Leader geadelt und vom Wirtschaftssender CNBC mit dem International Architecture Award ausgezeichnet wurde, entwirft bereits die Zukunft des Wohnens. In seinen Büros werden Bauwerke geplant, deren futuristisches Aussehen nicht etwa einem ästhetischen Selbstzweck dient, sondern die ganz bewusst um die technologischen Möglichkeiten und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts herum entworfen werden.

„Cybertecture“ nennt Law seine Vision, die das Wohnerlebnis auf eine ganz neue Ebene heben will. Dazu arbeitet sein Team von über einhundert Mitarbeitern nicht nur am „digitalen Reißbrett“, sondern gestaltet und produziert auch Hard- und Software, die das Leben in der Architektur der Zukunft vereinfachen soll. „Bei Cybertecture handelt es sich um eine völlig neue Generation des Wohndesigns“, erläutert James Law die Philosophie seines gleichnamigen Unternehmens, „und ich denke, wir verändern damit die Art und Weise, wie Menschen leben.“

“Gesünder und glücklicher leben”
Dabei greifen die Arbeitsbereiche der Architektur und der Technologieentwicklung schon bei der Ideenfindung für ein neues Projekt ineinander: „Beide Bereiche arbeiten bei uns ständig zusammen und ergänzen sich“, erläutert Law den Arbeitsalltag bei Cybertecture, „denn wir möchten Gebäude, ganze Städte und neue Technologien erschaffen, in und mit denen die Menschen gesünder und glücklicher leben können.“

Dabei bleibt es nicht nur bei der reinen Theorie. Für die Regierung in Hongkong entwarf Cybertecture das erste Labor für artifizielle Intelligenz, für den italienischen Modehersteller Benetton eine in Sonnenkollektoren eingehüllte Zweigniederlassung in Teheran, die ihren Energiebedarf nahezu komplett aus fotovoltaischen Prozessen speist, und für das amerikanische IT-Unternehmen IBM gar ein nach den Bedürfnissen seiner Bewohner morphendes Bürogebäude.

Dubai meets Cupertino
Das aktuelle Projekt des Designteams mit Büros in Hongkong, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten nimmt sich nun vollständig des Lebensalltags der Menschen im 21. Jahrhundert an: Das schlicht „The Pad“ genannte Gebäude integriert modernste Unterhaltungs- und Kommunikationstechnologie und schneidert diese maßgerecht um die Bedürfnisse seiner Bewohner herum, die dadurch quasi zum interaktiven Anwender ihres eigenen Lebensraumes mutieren.

Dass dabei besonders die Ideen des im fernen Cupertino beheimateten Technologieherstellers Apple für viele von James Laws Visionen Pate standen, verrät schon das Äußere des 24 Stockwerke hohen Towers in der pulsierenden Metropole Dubais: Fast wie ein aufgestelltes iPad funkelt das Gebäude in der arabischen Sonne, ähnlich minimalistisch wie die Grundzüge des Produktdesigns von Apple-Hoflieferant Jonathan Ive wirkt die bewusst schlicht gehaltene Architektur, die fast vollständig auf harte Kanten und rechte Winkel verzichtet – Rudolf Steiner hätte seine Freude daran.

Zu einem optischen Hingucker wird der alle angrenzenden Häuser überragende Wolkenkratzer jedoch erst am Abend, wenn das Licht der 231 Appartements die offene Bauweise noch unterstützt und der Pad Tower in symmetrisch angeordneten Außenfarben die Nacht erstrahlen lässt. Wie eine sich ständig verändernde Szene aus dem Computerspiel Tron wirkt das futuristische Gebäude dann, den Optimismus und die Zuversicht eines sich entwickelnden Jahrtausends widerspiegelnd.

iLife pur
Doch nicht nur das dem Tablet-Computer nachempfundene Äußere von Dubais neuester Attraktion erinnert an Apple. Es ist besonders der konsequente Einsatz lebensnaher Technologie in jedem einzelnen Appartement, das die Visionen des kalifornischen Innovationsunternehmens in einem neuen Ambiente reinkarnieren lässt. Alliterationen wie iHealth, iGym und iArt setzen nicht nur ganz bewusst auf die Begriffswelt einer mit iPod, iPhone und iPad ganz natürlich umgehenden Generation, sondern führen deren technischen Alltag in einer zeitgemäßen Wohnumgebung weiter.

So bezeichnet ein iCustomization genanntes digitales Interieur-Design die Möglichkeit, die eigenen vier Wände nach Belieben mit eigenen Motiven, Fotos und Zeichnungen so unkompliziert zu gestalten, wie man heute den Schreibtischhintergrund auf dem Computerbildschirm ändert. Wer dafür selbst nicht genug Kreativität besitzt, kann in der genannten iArt-Bibliothek der hausinternen Datenbank stöbern, um seine Wände digital zu tapezieren.

Apropos Wände: Auf einen simplen Sprachbefehl hin öffnen sich im iApartment Zwischenräume und begehbare Schränke, die sonst dezent im großzügigen Design verschwinden und ihren Inhalt verborgen halten – iWalls haben die Architekten diese fließende Gestaltung genannt.

Alles im Blick im iRotationRoom
Auch die ursprüngliche Anordnung der Räume ist hoch flexibel: Hat man zum Beispiel das Abendessen bei Kerzenschein mit Blick auf die funkelnden Lichter der Großstadt oder den wogenden Persischen Golf verbracht, rotieren Ess- und Wohnzimmer, damit dieses pulsierende Schauspiel auch von dem gemütlichen Sofa aus genossen werden kann – wie dieses innenarchitektonische Bäumchen-wechsle-dich-Spiel genannt wird, ahnen Sie wahrscheinlich bereits: Der iRotationRoom ermöglicht stets die besten Ausblicke auf Dubai.

Doch nicht nur der eigentlichen Wohnumgebung haben sich die Architekten und Ingenieure angenommen, auch die Kommunikation mit der Außenwelt ist ein integraler Bestandteil der Cybertecture-Ideenwelt. Befürchten viele Beobachter heute eine Vereinsamung des Menschen durch die zunehmende Nutzung von Technologie, will der Pad-Tower-Ansatz diesen Kreis durchbrechen.

Der Bewohner eines Appartements kann sich praktisch ständig mit seiner Umwelt verbinden: iReality projiziert Bilder aus der ganzen Welt oder auf Wunsch auch aus der Kneipe um die Ecke auf die Wände, während iFamily erlaubt, sich wortwörtlich mit der Familie zu umgeben, indem eine Videoübertragung vom iPad auf den
Wänden wiedergegeben wird.

Science-Fiction oder echtes Leben ?
Eine iAmbience genannte Variante erhellt Teile dieser Wände gar in sanften Farben, je nachdem, ob E-Mails, Kurzmitteilungen oder Telefonanrufe eintreffen. Konsequent weitergeführt wird dieser Ansatz auch im iSpa, dem Wellness-Bereich des luxuriösen Pad Tower. Beim iMediaJacuzzi handelt es sich um einen mit wasserdichten Touchscreens ausgerüsteten Whirlpool-Bereich, der stets die aktuellsten Kinofilme bereithält. Das  iUnderwaterConcert gibt zum Beispiel Händels Wassermusik einen ganz neuen Rahmen, und die iDeckChairs mit iPod-Dock ermöglichen das individuelle Musikerlebnis während des Entspannens.

Ob der Pad Tower tatsächlich ein erstrebenswerter Blick in die Zukunft des Wohnens ist oder eher überambitionierte architektonische Science-Fiction darstellt, sei dahingestellt. Realistisch ist jedoch, dass einige der hier erstmals konsequent umgesetzten Technologie-Konzepte schon heute Schritt für Schritt Einzug in unseren Lebensalltag halten – man denke nur an die vor einigen Jahren noch belächelte Möglichkeit der Videotelefonie oder die stetig und doch unbemerkt voranschreitende Digitalisierung in der Autoindustrie. Was bisher also noch High-Tech-Spielzeug für Superreiche in fernen Wüstenstaaten ist, kann uns morgen schon ganz natürlich das Leben in den eigenen vier Wänden erleichtern.
Und trotzdem: Eine der wichtigsten technologischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte darf und wird auch im Haus der Zukunft nicht fehlen: der simple Ausschalter als Brücke zum nicht-vernetzten, echten Leben.