TCHO: die iPhone-Schokolade 2.0

Was entsteht, wenn sich eine Legende des Silicon Valley und ein Raumfahrtexperte der NASA zusammenschließen? Nein, kein Notebook mit Raketenantrieb. Sie entwickeln Schokolade. Interaktiv, hochwertig und politisch korrekt. Und gesteuert wird der gesamte Prozess über ein iPhone. Noch Fragen?

Nicht nur leckerer als andere Sorten sollte die Schokolade sein. Darin waren sich Louis Rossetto, einer der Gründer des renommierten Tech-Magazins Wired, Timothy Childs, ein ehemaliger NASA-Ingenieur aus dem Space-Shuttle-Programm, und der Schokoladen-Experte Karl Bittong einig. Bei TCHO ging es von Anfang an um weitaus mehr. nämlich darum, mit der Start-up-Mentalität des Silicon Valley die Produktion von Schokolade vollkommen neu zu erfinden. Genau das machen die drei Schokoladen-Masterminds mit Erfolg: In San Francisco am Pier 17, ganz in der nähe von Fisherman’s Wharf, erfinden die Querdenker seit 2007 Schokolade neu.

Und verbinden dabei die Geschäftsdenke aus dem High-Tech-Valley mit dem gehobenen Lifestyle von San Francisco, das für seine Gourmetszene über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Rossetto will allerdings keine Süßigkeit, die vollgestopft ist mit Früchten oder Cornfl akes. Seine High-Tech-Schokolade gibt es in sechs natürluchen Aromen: Das Zitrusaroma stammt von Früchten aus Madagaskar. Die nussige nuance stammt von Kaffeebohnen aus Peru. Bohnen aus Ghana sorgen für einen satten Schokoladengeschmack. Für fruchtige Varianten sorgen Pflaumen, Himbeeren und Kirschen. Weitere Varianten sind „blumig“ und „erdig“.

Produktionskontrolle via iPhone
Aber es geht den drei Start-up-Chocolatiers nicht einfach nur darum, eine weitere Schokoladenmarke zu entwerfen. Davon gibt es ganz sicher schon genug. Bei TCHO soll einfach alles anders laufen: Sie soll interaktiv entwickelt werden, extrem hochwertig im Geschmack sein und politisch korrekt und nachhaltig produziert werden. Was liegt da näher, als mit dem iPhone den gesamten Fertigungsprozess zu kontrollieren? Ganz recht: Mit einer eigenen App lassen sich der gesamte Produktionsablauf samt angedocktem Forschungslabor überwachen und ferngesteuert regeln: von der Mahlkraft der Mühlen über die ideale Temperatur während des Schmelzvorgangs bis hin zur Fernsteuerung der Überwachungskameras auf dem Gelände. Die App dafür hat FXPal, ein Forschungszentrum von Fuji Xerox, entwickelt, das ebenfalls im Silicon Valley angesiedelt ist. Für Rossetto ist das iPhone als allmächtige Steuerzentrale nichts Besonderes mehr.

Es sei vielmehr „eine Verlängerung der Firmen-DNA“,erklärte er einmal. Es sorge dafür, dass man an Wochenenden nicht mehr in die Firma fahren müsse, um seine Pflichten zu erledigen. TCHO, das ist die Kurzform für „Technology“ und „Chocolate“. Und im Firmenhauptsitz findet sich allerlei gewöhnliche und alte Technik, die umfunktioniert wurde. „Industry Hacks“ nennt man das. Rossettos Hintergrund als Tech-Journalist war da vermutlich hilfreich.
So dienen Föhns als Röster, ein alter Dieselmotor befördert fast lautlos die fertigen Täfelchen in ihre Verpackungen, und Curry-Mixer aus Indien verbessern den Schmelz. Die technische Variante scheint soweit geregelt. Aber was läuft bei der Herstellung des Rohstoffs Kakao so anders? Rossetto setzt dabei verstärkt auf den Kontakt zu Kakaobauern in Südamerika und Afrika.

Computer treffen auf Föhns
In sogenannten „Flavor Labs“, zu Deutsch „Geschmackslabore“, sollen die Bauern mithilfe von Föhns als improvisierte Röster und Computern ein Gefühl dafür bekommen, wie aus der grünen Bohne schlussendlich hochwertiger Kakao entsteht. Die meisten von ihnen haben noch nie das fertige Produkt, die Schokolade, probiert. Dafür fehlt schlicht das nötige Geld. „Die Menschen denken, Schokolade kommt aus der Schweiz. Aber in Wirklichkeit handelt es sich um ein fragiles landwirtschaftliches Produkt, das mit einer Blüte an einem Baum beginnt und sich stark verändert und viele Menschen benötigt, die damit arbeiten. Ich will die Entwicklung zeigen, vom Kakao zur Schokolade. Und die Leben
derer, die in die Produktion eingebunden sind, verbessern“, erklärte Childs einmal gegenüber der New York Times. Aus diesem Grund steht auf jeder Verpackung auch „No Slavery“. Das Unternehmen ermutigt die Bauern deswegen mit besserer Bezahlung für bessere Bohnen. Von dem direkten Austausch mit den Kakaobauern verspricht sich Rossetto eine Art „Open-Source-Kultur“, bei der die Farmer ihre Erfahrungen mit anderen teilen. So profitiert jeder: der Plantagenbesitzer, TCHO und natürlich der Verbraucher, der ja die hochwertige Schokolade kaufen soll.

Wirtschaftlicher Erfolg ist nicht genug
Und weil zwei der drei TCHO-Erfinder aus der IT-Branche kommen, durchlief die iPhone-Schokolade auch mehrere Beta-Tests – wie bei einer Software. 1000 insgesamt um genau zu sein. Genau so viele Freiwillige fanden sich im Vorfeld, die bereit waren, für vier Dollar einen Schoko-Prototypen zu probieren. So sparte sich das Unternehmen eine kostspielige Marktforschung. Aus Gründen der Qualitätssicherung werden weiterhin Proben verschickt, die die Tester innerhalb von 48 Stunden ausprobieren und online bewerten sollen. Das Endprodukt nennen sie „1.0“. So viel Nachhaltigkeit und Sorgfalt haben dann auch ihren Preis: Zwei Tafeln à 60 Gramm kosten elf Dollar. Was nach unverschämt
viel Geld für wenig Schokolade klingt, hat aber Erfolg.

Denn neben dem normalen Abverkauf beliefert TCHO mittlerweile auch Starbucks. Doch der wirtschaftliche Erfolg scheint den Dreien nicht zu genügen. Sie wollen die Schokoladenindustrie von ihrer Vision überzeugen. TCHO hat dazu ein sogenanntes Flavour-Wheel entwickelt, das sechs verschiedene Geschmacksrichtungen determinieren soll: zitrus, fruchtig, nussig, erdig, schokoladig und blumig. Das Unternehmen macht sich dafür stark, dass weitere Unternehmen ihr
Geschmacksrad als Industriestandard übernehmen. So trumpfen die Silicon-Valley-Boys einmal mehr als Game-Changer auf. Nicht im Web, sondern im echten Leben. Mit einem iPhone und jeder Menge Erfindergeist.

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