Statt eigener iPhone-App: Webapp & iPad für den Außendienst

Im App Store von Apple gibt es ja bekanntlich für alles eine App – über 350 000 Anwendungen stehen derzeit zur Auswahl. Doch nicht jeder Entwickler will sich den nicht immer nachvollziehbaren Bedingungen von Apple unterwerfen. Andere App Stores sind mit iPhone und iPad zudem nur mit einem Jailbreak zu erreichen. Als saubere Lösung bieten sich so genannte Webapps an, wie sie zum Beispiel die Vertriebs-Vereinigung Berliner Zeitungs- und Zeitschriften-Grossisten einsetzt.

Echte Begeisterung kam bei Kiosk-Besitzern oder Supermarktleitern nur selten auf, wenn die Außendienstmitarbeiter des örtlichen Pressevertriebs mit dem Laptop oder ausgedruckten Tabellen und Listen zum Termin erschienen. In Berlin hat sich das geändert, seit der Presse-Großhändler Vertriebs-Vereinigung Berliner Zeitungs- und Zeitschriften-Grossisten (V.V. Berlin) seine Außendienstler mit iPads ausgestattet hat.

Sechs Monate von der Idee zum Einsatz

Die Idee, das iPad von Apple im Außendienst einzusetzen, entstand im Juni 2010. Mit einem auf Datenbanken spezialisierten Programmierer aus der hauseigenen IT-Abteilung begann Thomas Bachner, in der Geschäftsleitung der Berliner Vertriebs-Vereinigung für Marketing und Vertrieb zuständig, die Webapp mit dem etwas sperrigen Namen i4pos2go zu entwickeln. Später ergänzte der Potsdamer Webdesigner Caspar Hübinger das Team und sorgte für eine Benutzeroberfläche in typischer iOS-Optik. Drei Monate später startete bereits der erste Praxistest.

„Wir haben uns aus mehreren Gründen gegen eine klassische App und für eine Webapp entschieden“, erklärt Thomas Bachner. „Wir benötigten kurzfristig eine maßgeschneiderte Lösung. Eine App, die wir an unsere Anforderungen anpassen könnten, war weit und breit nicht zu sehen.“ Zudem wisse man im Voraus nicht, wie lange Apple eine App prüfe, bevor der iPad-Hersteller sie im App Store freischaltet. „Außerdem wollten wir die Anwendung anfangs ja nur bei uns im Unternehmen nutzen“, ergänzt der Marketingchef des Pressevertriebs, „und unsere gesamte Datenbank würde sowieso nicht auf den Speicher des iPad passen.“ Eine Internetanbindung sei also in jedem Fall notwendig – auch um die vorhandenen Daten direkt aktualisieren zu können.

iPad-Präsentation = Mehr Aufmerksamkeit

„Seit Anfang des Jahres sind unsere acht Außendienstmitarbeiter mit iPads für die Gespräche mit den Kunden ausgestattet“, berichtet Bachner. „Früher versuchten sie, den Pressehändlern mit Tabellen auf Papier die Umsätze zu erläutern sowie Verkaufs- und Bestellempfehlungen zu geben, und ernteten oft Desinteresse und Unverständnis. Mit dem iPad lassen sich die Umsätze deutlich inter- essanter darstellen, und unser Ampelsystem ist für jeden leicht verständlich.“ Teilweise würden Händler gespannt erwarten, ob ihre Ampeln Gelb oder sogar Grün geworden sind.

Bei der Webapp handelt es sich vereinfacht gesagt um einen Link, den der Nutzer im Safari-Browser des iPad öffnet und so auf die Server des Grossisten zugreift. Von dort ruft die Anwendung alle benötigten Informationen ab. Da hierfür eine Internetverbindung nötig ist, freut sich Thomas Bachner über die gute Netzabdeckung im Berliner Westen, wo die 2543 Kunden seines Pressevertriebs ihre Geschäfte betreiben.
Obwohl es sich bei der Webapp scheinbar um ein langweiliges Verwaltungswerkzeug handelt, nutzt sie dennoch die Funktionen und Technologien des iPad aus. „Unsere App erkennt zum Beispiel, ob das Tablet im Quer- oder Hochformat gehalten wird, und passt die Oberfläche entsprechend an. Dabei dreht sie nicht nur die Ansicht, sondern ergänzt die Anzeige auch um Bedienelemente oder lässt sie verschwinden.“

Auch auf dem iPhone

„Unsere Webapp funktioniert auch auf dem iPhone“, ist Thomas Bachner sichtlich stolz. Sie erkennt das Smartphone und zeigt auf ihm andere Inhalte als auf dem iPad an. „Wir haben hier zum Beispiel Google Maps und einen Routenplaner eingebunden, damit unsere Mitarbeiter ohne Probleme den Weg zu ihrem nächsten Kunden finden.“ Bei bis zu 15 Besuchen an einem Tag ist für die acht Außendienstmitarbeiter eine gute Planung für einen erfolgreichen Arbeitstag unverzichtbar.

Noch ist Thomas Bachner mit seiner Webapp nicht vollkommen zufrieden: „Sobald unsere Mitarbeiter eine zweite App auf dem iPad starten, lädt der Browser die Webapp automatisch neu, alle nicht gespeicherten Daten gehen verloren, und sie müssen sich erneut anmelden.“ Von den technischen Problemen abgesehen hat Bachner schon Vorstellungen für weitere Verbesserungen. Er will unter anderem die Menüs individuell an die Kunden anpassen: „Hat ein Geschäft zum Beispiel kein Schaufenster, soll die Anwendung den Mitarbeiter auch nicht auffordern hierzu Angaben zu tätigen.“ Außerdem würde er gerne die potenzielle Entwicklung von Käuferströmen simulieren, falls eine Verkaufsstelle für eine bestimmte Zeit oder dauerhaft schließt.

Grosses Interesse An Webapp

Im Presse-Vertriebswesen hat der Berliner V.V.-Vertrieb mit seiner Webapp und den iPads im Außendienst viel Staub aufgewirbelt. Grossisten aus anderen Regionen haben bereits angefragt, ob sie die Webapp nutzen und an ihre Bedürfnisse anpassen dürfen. Apple scheint keine Probleme damit zu haben, dass jemand den App Store umgeht. Zumindest hat Bachner bisher nichts Negatives aus Richtung Cupertino gehört. Ganz im Gegenteil: „Ich habe eine Einladung bekommen, unsere Webapp bei Apple in München vorzustellen“, verrät der Miterfinder der Anwendung.

Der Erfolg der Webapp des V.V.-Vertriebs zeigt, dass man sich nicht Apple unterwerfen muss, um Anwendungen für das iPad zur Verfügung zu stellen. Diese Lösung bietet sich zum Beispiel auch für andere Unternehmen an, deren Apps der iPad-Hersteller nicht in den App Store aufnimmt, die nur für den Eigenbedarf eine App benötigen oder denen die Provision zu hoch ist. 30 Prozent Umsatzbeteiligung verlangt Apple derzeit, und so viel wollen zum Beispiel nicht alle Verlage bei den Apps ihrer Zeitschriften und Zeitungen abgeben.

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