Scott Kelby im Interview: "Am Ende des Tages zählt nur Design"

Scott KelbyVon Jetlag ist keine Spur im braun gebrannten Gesicht, das früh morgens pünktlich zum Interviewtermin mit der Sonne um die Wette strahlt. Es gehört Scott Kelby, der wie so häufig in Design-Mission auf Tour ist. m – Das Magazin hat sich mit dem Photoshop-Guru getroffen, um seine Meinung über die Zukunft der Bildbearbeitung, Design und Apple-Computer zu hören.
Den langen, durch Unwetter verzögerten Flug aus den USA nach Köln und die zurückliegenden intensiven Arbeitstage lässt sich Scott Kelby nicht anmerken. Am Vortag noch machte er mit seiner Workshop-Tour „Light It. Shoot It. Retouch It. LIVE“ Halt in der Kölner Messe, einen Tag später rollt der Tross schon weiter Richtung Niederlade. Köln und Amsterdam waren die ersten und einzigen europäischen Stationen seiner diesjährigen Tour, die in den USA und Kanada zuvor schon reichlich Publikum begeistert hat. Kein Wunder: Kelby kennt Photoshop wie seine Westentasche. Und hat die Qualitäten eines Entertainers.

Scott, zwei Stopps an drei Tagen, Europa in der Photoshop-Schnelleroberung. Wie kam es dazu?
Die Workshop-Show ist in den USA und in Kanada sehr erfolgreich. Wir wissen, wie es bei uns zuhause läuft und wollten probieren, ob dieses Konzept auch in Europa ankommt. Als wir die Tour planten, war noch nicht klar, wie das Publikum in Deutschland reagieren würde, ob wir überhaupt genug Besucher zusammenbekommen würden, aber wir wurden positiv überrascht.

Wie groß war der Zuspruch?
In Köln waren fast 300 Fotografen vor Ort, in Amsterdam werden es knapp 400 sein. Jetzt wissen wir, dass wir im nächsten Jahr mehr Städte besuchen werden. (lacht) Das Publikum war wirklich bombig, wir hatten riesigen Spaß.

Unterscheiden sich die Besucher in den USA und in Deutschland?
Ja, das kann man sagen. Es war hier ganz anders als den Vereinigten Staaten. Die Besucher waren sehr engagiert, ja, sie waren sogar hochmotiviert. Wir hatten fünf einstündige Gruppen an diesem Tag, mit je einer halben Stunde Fotopraxis und einer halben Stunde Retuschepraxis, und als Gast den Bildbearbeiter Calvin Hollywood, der bei euch in Deutschland in der Szene sehr bekannt ist.

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Viele Fotografen verbringen überdurchschnittlich viel Zeit mit dem Bildbearbeitungsteil. Welche Arbeitsweise verfolgst Du?
Mein Workflow sieht so aus, dass ich idealerweise nur ein Foto bearbeiten muss. Ich möchte so wenig nachbearbeiten wie möglich. Ich fotografiere vielleicht 45 Minuten und suche dann das beste Ausgangsbild für die Retusche aus. Ich möchte wirklich nicht 50 Fotos retuschieren – wer will das schon? Wenn ich für mich selbst fotografiere, genehmige ich mir maximal 10 Minuten Zeit für die Optimierung in Photoshop. Für die Arbeit an einem Magazincover nehme ich mir natürlich etwas mehr Zeit, um die zwei Stunden. Ich arbeite ziemlich schnell und effektiv. In Prozenten würde ich sagen, verbringe ich 75% mit dem Shooting und 25% mit der Bildbearbeitung.

Bleiben wir mal bei den Prozenten – wie verteilt sich der Anteil von Lightroom und Photoshop in Deiner Arbeit?
Den Großteil meiner Arbeit halte ich mich in Lightroom auf, sicher zu 80%, den Rest in Photoshop. Ich mache wirklich so viel wie möglich in Lightroom und wechsele nur zu Photoshop, wenn ich wirklich muss. Für alle Arbeiten, für die Ebenen nötig sind, und für alles, was Lightroom nicht bietet, ist Photoshop meine Wahl.

In den vergangenen Jahren hat sich im Bildbearbeitungsbereich viel getan, nicht nur Lightroom ist neu hinzugekommen. In welche Richtung werden sich Deiner Meinung nach die EBV-Programme in der Zukunft entwickeln?
Ich denke, es gibt eine wichtige Sache, die sich ändern wird und muss: Bildbearbeitung muss einfacher werden, die Software muss einfacher zu handhaben sein. Wenn wir die jetzige Situation betrachten, hat Photoshop eine sehr steile Lernkurve, aber auch andere Programme wie Lightroom ist nicht wirklich einfach zu erlernen und sehr verschachtelt. Viele Funktionen sind versteckt. Die Entwickler müssen einen Weg finden, wie wir Anwender bessere Ergebnisse mit weniger Mühe erzielen können, ohne uns in alle tief verborgenen Funktionen hineinfinden zu müssen. Photoshop ist ein großartiges Werkzeug, aber es gibt viele frustrierende Erlebnisse bei der Arbeit, gerade für unerfahrene Fotografen. Meine Bitte an Adobe lautet: Photoshop muss einfacher werden.

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Kannst Du ein Beispiel für diese einfachere Handhabung nennen?
Gerne. Ist es nicht großartig, welche Effekte man in kürzester Zeit mit diesen vielen kleinen Tools wie Instagram oder Camera Plus auf dem iPhone zaubern kann? Es ist unglaublich schwierig, diese einfachen Effekte mit Photoshop zu erzielen. Das ist mein Argument: Man muss in Photoshop alles manuell erarbeiten. Aber mit einer 1-Euro-App auf meinem iPhone kann ich in Sekunden unglaubliche Wunder vollbringen. Adobe muss einfach realisieren, dass es nicht nur Amateure und Hobby-Fotografen sind, die sich Ein-Klick-Effekte wünschen. Aber ich bin zuversichtlich, dass das im nächsten Schritt kommen wird: Viele Arbeitsschritte werden sich mit weniger Klicks, mit mehr Presets, einfacher und schneller erledigen lassen.

Adobe versucht mit der iPad-App Photoshop Express, einen Teil dieser Wünsche schon jetzt zu erfüllen. Ist die mobile Bildbearbeitung eine Option für Fotografen?
Nun. (hält lange inne) Ich besitze ein iPad und bin sehr erstaunt über die Leistungsfähigkeit zum Beispiel von Nik Software Snapseed. Das ist eines der fortgeschrittensten Programme, das ich bisher auf der Plattform gesehen habe, und kommt Photoshop im Funktionsumfang sehr nahe. Auch Filterstorm ist schon sehr weit. Das, was ich vom mobilen Photoshop gesehen habe, war noch nicht ansatzweise so stabil und leistungsstark wie diese beiden Apps. Adobe muss hier nachziehen und für mobile Endgeräte etwas entwickeln, was tatsächlich wie Photoshop ist. Wir können schließlich nicht unendlich viele Programme beherrschen. Lightroom, Camera Raw, Bridge, Photoshop, das alleine sind vier Programme. Mein Wunsch ist es, das Tablet zu starten, Photoshop zu öffnen – und auch Photoshop vor mir zu sehen.

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Neben der Photoshop-Familie ist Apple Deine zweite große berufliche Leidenschaft. Wie ist Deine Meinung über das Unternehmen und seine Zukunft?
Ich bin Apple-Fan, seit ich denken kann. Ich habe auch ein Macintosh-Magazin herausgegeben und Mac-Bücher geschrieben. Für mich ist es kein Wunder, dass so viele Fotografen und Designer mit Apple-Computern arbeiten. In einem meiner Workshops beispielsweise saßen einmal zwei Teilnehmer mit PC-Notebooks, die Marke ist egal. Ich bat sie, die Laptops hochzuzeigen – sie waren voller Kratzer und Macken, sie sahen wirklich grässlich aus. Oder nehmen wir den iPod als Beispiel: Als das Gerät erschien, gab es schnell reichlich Konkurrenz; es gab viele günstigere MP3-Player, die zudem mehr Funktionen boten. Der Microsoft Zune beispielsweise war in einigen Punkten überlegen, aber niemand wollte das Teil haben – einfach weil es furchtbar aussah. Wir Menschen sind doch visuelle Wesen, für uns ist die Optik wichtig. Das hat Apple begriffen. Viele andere Unternehmen haben es aber offenbar noch nicht verstanden, dass unsere Gesellschaft designorientiert ist. Von Apple schätze ich übrigens auch Aperture – das ist ein tolles Programm, das ich für meine Slideshows und Fotobücher einsetze.

Also noch ein weiteres Programm im Workflow …
Ja, insgesamt sind es dann doch fünf Programme. Ist das nicht lächerlich und irgendwie frustrierend? (lacht)

Ja, das Leben kann hart sein. Für mich war es allerdings auch mühsam, die Zahl Deiner Bücher herauszufinden, die Du bislang geschrieben hast. Ich bin gescheitert. Kennst Du die genaue Zahl?
Etwas über 50, ich weiß es wirklich selbst nicht genau. Das liegt daran, dass ich ein Buch von Grund auf neu schreibe, wenn eine Neuauflage ansteht. Eigentlich schreibe ich also immer ein vollkommen neues Buch, ich will einen Titel nicht nur aktualisieren.

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An welchem Projekt arbeitest Du aktuell?
Mein neues Buch wird Ende August erscheinen – und es verwundert wohl nicht, dass es „Light It. Shoot It. Retouch It.“ heißen wird. Es wird etwas Neues bieten, was ich bisher in noch keinem anderen Fotografiebuch gesehen habe. (Scotts fuchtelt begeistert mit den Händen auf dem imaginären Buch vor sich hin und her) Man schlägt das Buch auf und sieht auf der linken Seite ein ganzseitiges Foto, rechts davon wird ein Miniaturbild mit dem Aufbau gezeigt; auf der nächsten Seite folgt ein echtes Foto von dem Setting von oben, damit man sich ein präzises Bild vom Aufbau machen kann. Dafür haben wir eine Kamera in 6,70 Meter Höhe angebracht. So kann der Leser exakt sehen, wo die Leuchten, das Model, der Hintergrund und auch der Fotograf bei der Aufnahme stehen. Der Leser soll ganz genau nachvollziehen können, wie er selbst zu dem gezeigten Bildergebnis gelangen kann. Den Abschluss jeder Aufnahme bildet die gesamte Retusche vom Anfang bis zum Ende. Der Leser kann also den gesamten Weg bis zum finalen Bild mitgehen und das Ergebnis reproduzieren. Insgesamt gibt es 14 verschiedene Aufnahme- und Lichtsituationen in dem Buch, 13 davon mit gängigen Studio-Lichtquellen und eine mit Aufsteck-Blitzgeräten.

Das klingt nach einer guten Präsentationsform für das iPad.
Du ahnst richtig. Es wird eine Art Light-Version dieses Buches für das iPad geben. Der Leser wird erfahren, wie die präsentierten Endbilder in Eigenregie entstehen können. Die App wird ein visuelles Erlebnis sein, mit Video und Audio. Und es gibt noch eine Top Secret News: Wir werden im September ein brandneues Magazin für das iPad unter dem Titel „Light it!“ veröffentlichen. Das Magazin wird aussehen und sich anfühlen wie ein echtes Magazin und wird ausschließlich Fotopraxis-Themen enthalten. Uns war wichtig, dass das Magazin wie ein richtiges Magazin gelesen werden kann. Es kann nicht sein, dass eine Magazin-App erst erlernt werden muss. Aber natürlich wird es auch ein paar Funktionen geben, die richtig Spaß machen, zum Beispiel Audio- und Video-Material und eine Zoomfunktion, die sehr weit in die gezeigten Bilder hineinführt. Das Magazin wird acht Mal im Jahr exklusiv auf dem iPad erscheinen – exklusiv, denn es wird keine parallele Printausgabe geben.

Scott, man merkt Dir an, dass Dir Deine Arbeit Spaß macht. Du schreibst Bücher, bist Verleger, füllst große Seminarsäle – was erfüllt Dich am meisten?
Die Live-Workshops! Ein großer Teil meiner Arbeit ist eine Einbahnstraße von mir zum Leser, und selbst wenn ich Post per E-Mail erhalte, ist es kaum einzuschätzen, wie ich die Leute wirklich erreiche. Es ist eine schöne Erfahrung für jeden Autor, die Leser kennenzulernen, ihre Denkweise und Arbeitsweise. Ja, diese direkte Verbindung ist aufregend.

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Für die Workshops bist du häufig auf Tour. Motivieren Dich die Reisen zusätzlich?
Stimmt, das ist ein positiver Nebeneffekt der Live-Tours, immerhin war ich auch schon einige Male in Deutschland. Ja, ich liebe Deutschland. Und ja, es ist toll zu reisen, das ist meine Lieblingsbeschäftigung. Mein nächster privater Trip führt mich zum Taj Mahal, und ich werde mit Sicherheit dieses eine Foto machen, das schon so viele Tausend andere Fotografen vor mir geschossen haben – aber genau das möchte ich machen (lacht)

Interview: Nico Barbat.
Fotos: Sascha Basmer

Zur Person: Scott Kelby ist einer der erfolgreichsten Autoren von Computer- und Technik-Büchern in den USA und Europa. Zu seinen Bestsellern zählen die Titel „Digitale Fotografie“ und „Photoshop (CS5) für digitale Fotografie“. Er ist zudem Herausgeber und Redakteur der Magazine Photoshop User und Layers und Chefredakteur der Zeitschrift Darkroom sowie Präsident und Mitbegründer der National Association of Photoshop Professionals. Seine Seminare wie die aktuelle Live-Tour „Light it! Shoot it! Retouch it!“ erhalten regen Zulauf. Kelby lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Tampa, Florida. Infos: www.scottkelby.com

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