Sanierungsfall E-Mail: Wer erfindet die Kommunikation neu?

“Wilkommen in CSNET!” Mit diesem Satz startete vor mehr als 30 Jahren der Siegeszug der E-Mail in Deutschland. Vor allem in der jüngeren Vergangenheit konnte die E-Mail dank der hohen Smartphone-Verbreitung erneut Zugewinne verbuchen. Wie Deutschland mailt, hat der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) in einer Umfrage erhoben. Demnach verschickt die Hälfte aller Internet-Nutzer mehrere private Mails pro Woche. Ein Drittel der Anwender schreibt aber nur einmal wöchentlich oder seltener eine E-Mail-Nachricht an Freunde, Verwandte und Bekannte. Fast jeder Zehnte nutzt das Internet überhaupt nicht für private E-Mails.

Den Trend zu weniger E-Mails konnte BITKOM vor allem unter Jugendlichen feststellen. Für Bernhard Rohleder, BITKOM-Hauptgeschäftsführer, ist das Smartphone die Ursache: “Private Emails werden zunehmend ersetzt durch internetbasierte Messaging-Dienste wie WhatsApp, iMessage oder soziale Medien.”

Auch das britische Office of Communication widmete sich in einer Studie mit knapp 2.000 Erwachsenen und 800 Kindern dem Thema. Demnach nutzen Erwachsene für etwa ein Drittel der Kommunikationszeit die klassische E-Mail. Bei den 12- bis 15-jährigen macht diese nur etwa zwei Prozent der Kommunikationszeit aus. Auch Anrufe finden sich mit drei Prozent auf den hinteren Rängen. Instant Messenger wie Apples iMessage, WhatsApp, Skype und Co. sind hingegen mit 94 Prozent vertreten. Bei Erwachsenen ist dieser Wert mit 20 Prozent deutlich geringer. Im privaten Umfeld scheinen die Tage der E-Mail somit gezählt. Anders sieht die Lage bei der beruflichen Nutzung aus.

Sortieren kostet halbe Stunde

Im geschäftlichen Umfeld befindet sich die E-Mail weiterhin auf Wachstumskurs. Wurden 2011 pro Tag noch durchschnittlich 11 dienstliche E-Mails empfangen, sind es heute 18 E-Mails, Spam-Nachrichten ausgenommen. Auch die Zahl der Nutzer ist laut BITKOM von 67 Prozent auf 83 Prozent aller Berufstätigen gestiegen. Rückendeckung erhält BITKOM von den Marktforschern von IDG. In einer von IBM in Auftrag gegebenen Studie erklärte mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer, dass das Mail-Aufkommen und die damit verbundene Belastung tendenziell steigt. In der Folge verbringt die Hälfte aller Teilnehmer eine halbe Stunde und mehr pro Tag allein mit dem Sortieren von Nachrichten. Im Kampf um die Geschäftskunden anderer Anbieter und um auch im privaten Bereich weiterhin nicht den Anschluss zu verlieren arbeiten einige Unternehmen bereits an einer Art E-Mail 2.0. Was diese können muss? Den Teilnehmern der IBM-Studie zufolge hat vor allem eine optimierte Darstellung wichtiger Informationen, eine schnelle Suchfunktion und eine Aufgaben-Verwaltung Priorität.

Der Suchmaschinenanbieter Google hat auf diese Anforderungen gehört und seine Entwicklung Inbox nicht zuletzt anhand dieser Wünsche ausgerichtet. Googles erklärtes Ziel ist es, Anwender in die Lage zu versetzen, “sich wieder um die Dinge kümmern zu können, auf die es wirklich ankommt”. Möglich macht dies Googles Algorithmus, der E-Mails automatisch gruppiert. Werbung zu Werbung, Einkäufe zu Einkäufe und Reiseinformationen zu Reisen.

Erfassen der eigenen Persönlichkeit

Die wichtigen Informationen zieht Inbox zudem automatisiert aus einer E-Mail. Bei einer Amazon-Bestellbestätigung wird in der Vorschau beispielsweise nur ein Bild des Produkts, die Beschreibung, voraussichtliche Lieferung und Sendungsverfolgung dargestellt. Die restlichen Informationen bekommen Anwender erst dann angezeigt, wenn die Mail tatsächlich geöffnet wird. Eine Flugbestätigung reduziert Googles Inbox auf Flugnummer, Datum, Zeit und Link zum Online-Check-in. Auch eine To-do-Liste, die sich automatisch mit zugehörigen Mails verknüpft, ist mit an Bord. Derzeit befindet sich Inbox noch im Beta-Stadium, Angaben zur finalen Veröffentlichung macht Google bisher noch nicht.

Auch IBM tüftelt derzeit an der Neuentwicklung der E-Mail. Aus gutem Grund, denn „das E-Mail-Erlebnis hat sich seit seiner Erfindung nicht weiterentwickelt”, so IBMs Design-Chefin Carolyn Pampino. Ausgangspunkt von der als IBM Verse bezeichneten Lösung sind aus diesem Grund nicht E-Mail, sondern die Personen hinter der Nachricht. Wichtige Absender stellt IBM Verse in einer Übersicht dar, ein Klick auf die Person zeigt alle E-Mails. Zudem setzt die Anwendung Personen miteinander in Verbindung, was unter anderem die Planung eines Meetings vereinfacht und persönlicher macht.

Auch die eigene Persönlichkeit soll Verse ebenfalls erfassen, um sich so “der eigenen Arbeitsweise anzupassen”, so IBM. Eine schnelle, moderne Suche gehört ebenfalls zum Funktionsumfang der Anwendung. Wie auch im Falle von Google befindet sich Verse derzeit in einem öffentlichen Beta-Test, der als Web-Anwendung sowie als App für iOS- und Android zur Verfügung steht.

Zuerst erschienen auf techtag.de