Produktiv oder im Tief? Die Wahrheit über Programmierer

Produktivität eines Programmierers (Bildquelle: Eigenes Werk nach Bruno Oliveira)

Von Neun bis Sechs Quellcode schreiben im Akkord? Eine Selbsteinschätzung von Programmierern und Erkenntnisse von Effizienzexperten zeigen: Auch der Chef und die Kollegen nehmen Einfluss auf die Produktivität von Softwareentwicklern.

„Hey, hast du die E-Mail erhalten, die ich dir vorhin gesendet habe?“ Mit Fragen wie dieser reißen Kollegen den Programmierer George Stocker komplett aus seiner Arbeit heraus, schreibt er in einem Blog-Post, der gerade in den sozialen Netzen hohe Aufmerksamkeit bekommt. Bis seine Produktivität wieder den Stand vor dieser unangenehmen Störung erreicht, dauere es mindestens 30 Minuten. Das zumindest hat Stockers Berufskollege Bruno Oliveira errechnet.

Programmierer erreichen viele Produktivitätsspitzen

Der bei Google für Android mitverantwortliche Programmierer hat eine aufschlussreiche Grafik für seine Zunft zusammengestellt, die die Fremd- und die Selbsteinschätzung zur Arbeitsproduktivität in der Softwareentwicklung aufzeigt. Ganz entgegen der Erwartungen des Chefs und der Kollegen anderer Abteilungen reicht die Produktivitätskurve nicht von neun bis sechs Uhr mit einem einzigen Knick um Zwölf zur Mittagspause. Eigentlich, so stellt es Oliveira in seinem Kurvendiagramm dar, erreichen Programmierer viele kleine Produktivitätsspitzen, aber auch ein Produktivitätshoch mit doppelt so hoher Effizienz wie erwartet, nämlich ab 23 Uhr, wenn sich andere schlafen legen.

Produktivität eines Programmierers (Bildquelle: Bruno Oliveira)

Außer der Unterbrechung durch Kollegen listet Stocker noch einige weitere Störfaktoren auf, die ihn von seiner Arbeit abhalten. Zwar gibt er selbstkritisch eigene Ablenkungsmanöver wie Twitter-Benachrichtigungen am iPhone, neugierige Recherchen bei Wikipedia und das Stöbern bei Hacker News zu, aber er nennt auch akustische und optische Störungen, die zwangsläufig in Großraumbüros entstehen. Außerdem hemmten unklare Zielstellungen, geringes Involvement in das Projekt, schwammige Aufträge seinen Arbeitsfluss, so Stocker.

Effizienzüberprüfung: Berechnung eines Umweltfaktors

Dass diese extrinsischen Faktoren die Produktivität beeinflussen, haben Experten längst erkannt. Psychologische Studien haben gezeigt, dass Mitarbeiter zufriedener und produktiver sind, wenn ihnen klare Aufgaben mit konkreten Zielstellungen vorliegen. Auch die Formel zur Berechnung der Produktivität wird in der Forschung wie in der Praxis als problematisch angesehen. Sie besagt: Produktivität ist die Anzahl der Softwareelemente (zum Beispiel Line of Code, also Codezeilen) geteilt durch die dafür aufgewendete Zeit. Der Faktor Codezeilen ist jedoch nicht immer sinnvoll und praktikabel. Denn mehr Quantität Code bedeutet nicht automatisch mehr Qualität der Software. Außerdem vernachlässige diese Formel Umweltfaktoren wie die Schwierigkeit der Aufgabe, Störungen der Konzentration der Programmierer und weitere. Die Softwareentwickler und Buchautoren Tom DeMarco und Tim Lister schlagen daher die Berechnung eines Umweltfaktors vor: ungestörte Stunden geteilt durch Stunden körperlicher Anwesenheit.

Wie reagiert Stocker auf diese Erkenntnisse? Um einige Stunden ungestört und konzentriert zu arbeiten, hat sich der Programmierer gute Kopfhörer gekauft und die Benachrichtigungen an seinem Smartphone abgestellt.

Zuerst erschienen auf techtag.de / via Nico Lumma