Offener Brief an Tim Cook: "Apple schätzt seine Leute nicht mehr"

Chad Ramey hat vier Jahre lang in eine Apple Store gearbeitet. Jetzt hat er gekündigt und einen offenen Brief an Firmenchef Tim Cook geschrieben. Er beklagt den Verlust von Zwischenmenschlichem in den Apple Stores und die Fixierung auf den Umsatz. Ein wunder Punkt für ein Unternehmen, das lange als elitär galt und mittlerweile zum Massenhersteller mutiert ist.

“Bitte erlauben Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Chad Ramey, und ich habe die vergangenen vier Jahre als Genius im Apple Store Arrowhead in Glendale, Arizona, gearbeitet”, beginnt der ehemalige Verkäufer seinen offenen Brief an Tim Cook, den Chef eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. ”

Zu aller erst möchte ich meinen Dank dafür aussprechen, dass ich die Möglichkeit hatte, für eine solch außergewöhnliche Firma gearbeitet zu haben. Es brach mir fast das Herz, als ich das letzte Mal aus dem Store gegangen bin. (…) Dennoch ist Apple ein zweischneidiges Schwert. Ich habe mitangesehen, wie sich Apples Verkauf von etwas Spektakulärem hin zu einem Palettenschieber wie Best Buy oder Walmart entwickelt hat. Was einst ein bereichender Ort für die Angestellten war, macht sie nun mürbe und ausgebrannt. Der Verkauf schätzt seine Leute nicht mehr, Kunden und Angestellte gleichermaßen.”

Ramey beklagt, dass der Fokus weg vom Kunden hin zur reinen Transaktion von Geld gewandert sei. Es wäre mittlerweile eine absolute Ausnahme, wenn man den Kunden nach seinem Namen fragen könne. Dadurch könne man sich nicht mehr auf die Probleme und Wünsche der Kunden konzentrieren, sondern würde noch noch Nummern und Verkaufszahlen hinterherhecheln.

Das verwundert, spült doch jeder Apple-Store-Verkäufer im Schnitt 278 Dollar pro Stunde in die Kassen von Cupertino. Rameys offener Brief liest sich nicht wie eine Hassschrift, sondern vielmehr wie ein Schreiben eines bekümmerten Liebhabers, der nicht versteht, warum sich das Gegenüber so verändert hat: “Alles, was mir vor vier Jahren bei den Workshops beigebracht wurde, scheint mittlerweile nicht mehr von Belang.”

Think different ist schuld

Rameys Probleme mit seinem ehemaligen Arbeitgeber lassen sich auf eine Frage zurückführen: Ist Apple noch eine Luxusmarke oder schon ein Massenhersteller? „Think different“ mag wohl daran schuld sein, dass die Beanwortung dieser Frage gar nicht so einfach ist. Als Steve Jobs 1996 zu Apple zurückkehrte und mit einer groß angelegten Kampagne Gandhi und Hitchcock zu Testimonials eines IT-Unternehmens machte, war der Ruf des Unternehmens begründet. Apple war fortan die Firma, der es nicht primär um Technik ging, sondern die besonderen Wert auf die Ästhetik und Einzigartigkeit ihrer Produkte legte.

Das Motto: Alles aus einem Guss – Hard- und Software bilden eine Einheit. Damit zog das Unternehmen eine kreative Elite an, die über zwei Dekaden Apples Ruf als Hersteller elitärer und luxuriöser Produkte begründete. Spätestens als John Ive den Designer zum Künstler erklärte, hatten Grafiker und Fotografen im Mac das Arbeitsgerät ihrer Wahl gefunden. Apple war fortan das Werkzeug der innovativen Elite.

Nicht zuletzt muss man sich die Frage stellen, ob Apple nicht schon längst zum Mainstream- und Massenprodukthersteller geworden ist. Auch über ein Jahr nach der Markteinführung des iPad stehen die Konkurrenten vor einem großen Problem: dem Preis des Apple-Tablets.

Apple ist längst Massenhersteller

Mit 499 US-Dollar für das Tablet in der einfachsten Ausführung hat Apple tatsächlich ein „magisches Device“ mit einem „revolutionären Preis“ auf den Markt gebracht. Selbst in der zweiten Generation dominiert das Tablet den Markt mit seinem geringen Preis.

All das verwundert vielleicht weniger, wenn man sich an die Anfänge von Apple erinnert. Der Konzern war zu einer Zeit angetreten, als Computer teuer waren, um 1984 dann mit dem Macintosh einen für 1000 US-Dollar einen für damalige Verhältnisse günstigen Konkurrenten entgegenzusetzen.

Schlussendlich konnte Apple das Preisversprechen nicht halten, blieb mit 2495 US-Dollar wegen der geringen Anzahl kompatibler Programme lange Jahre ein Nischenprodukt und gewann Anteile im Bereich der Grafik, der Musikproduktion und der Videobearbeitung.

Doch nicht zuletzt auch die Entwicklung hin zu vereinfachten Software-Paketen wie Final Cut Pro X und einem Betriebssystem, das nur noch 23,99 Euro kostet, sind Beweise dafür, dass Apple den Massenmarkt im Blick hat und immer hatte. Und in einem solchen geht es nicht mehr das persönliche Gespräche mit dem Kunden, sondern vor allem um Bilanzen, Chancen und Wachstum.

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