Nach der „Bilanz-Enttäuschung“: Apple plötzlich zum Erfolg verdammt

Es liest sich in Zeiten der Eurokrise wie Realsatire: Apple verdient 8,8 Milliarden Dollar in 91 Tagen, doch die Wall Street senkt den Daumen. ‚Gut’ war diesmal nicht gut genug – die Trauben hängen für den wertvollsten Konzern der Welt bekanntlich hoch. Trotz der Rekordergebnisse steht der Tech-Champion plötzlich mit dem Rücken zur Wand: Im Weihnachtsquartal muss Apple liefern.

Es ist nicht ganz einfach mit den Aktienmärkten. „Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker“, wusste einst die ungarische Anlegerlegende Kostalany zu berichten: „Auf gute Nachrichten weint sie, auf schlechte lacht sie.“

Kaum anders sieht es in diesen Tagen an der Wall Street aus. Zur turnusmäßigen Berichtssaison geht es wieder einmal hoch her. Etwa beim weltgrößten Online-Einzelhändler Amazon. Der Gewinn bricht um 96 Prozent auf nur noch 7 Millionen Dollar ein? Zum Totlachen! Die Aktie legte nachbörslich leicht zu.

Quartalszahlen: ‚Gut’ war der Wall Street nicht gut genug

Apple? Verbucht Rekordgewinne in Höhe von 8,8 Milliarden Dollar in 91 Tagen! Macht summa summarum 96 Millionen Dollar am Tag. Oder etwa das 1250-Fache von Amazons Gewinn. Wohl gemerkt: An der Börse ist Apple gerade einmal 5,5 Mal wertvoller.

Verstehen muss man das nicht. Auch nicht, was Dienstag nach Bekanntgabe der Quartalszahlen und am folgenden Handelstag folgte: Ein Kurssturz zwischen vier und sechs Prozent.

Apples Dilemma: Die Ansprüche an den wertvollsten Konzern der Welt sind turmhoch, auch wenn Apple nach klassischen Bewertungsmaßstäben mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von aktuell 13 inzwischen günstiger bewertet wird als viele Lebensmittelhersteller. Gut war für Apple diesmal nicht gut genug, trotz 17 Millionen verkaufter iPads.

Das iPhone 5 muss das erfolgreichste Smartphone aller Zeiten werden

Der Tech-Ikone wird einmal mehr die enorme Erwartungshaltung der Wall Street zum Verhängnis: 26 Millionen verkaufte iPhones waren nicht genug. Erwartet wurden 28 bis 29 Millionen Einheiten. Weil Apple nun zum zweiten Mal nacheinander von Quartal zu Quartal rückläufige Umsätze verbucht und der Ausblick für den laufenden Dreimonatszeitraum selbst nach den konservativen Maßstäben Cupertinos ziemlich bescheiden aussieht, hat der Kultkonzern zumindest an der Börse über Nacht ein ausgemachtes Problem: Er muss sich plötzlich beweisen.

Ins Zentrum des Anlegerinteresses tritt dabei einmal der Umsatzbringer: das iPhone, das im vergangenen Quartal trotz der vermeintlichen Enttäuschung immer noch 46 Prozent der Erlöse ausmachte. Doch weil alle Welt längst auf den Nachfolger spekuliert, wie auch CEO Tim Cook im anschließenden Conference Call zugab, gilt das aktuelle iPhone 4S längst als Auslaufmodell.

Das iPhone 5, obwohl noch nicht mal angekündigt, wird nach Umfragen von Techportalen längst zum begehrtesten Smartphone aller Zeiten ausgerufen.

Wichtige Wochen: Tim Cook muss liefern

Und tatsächlich muss es das auch werden, wenn Apple seine enorme Erfolgsstory er vergangenen Jahre weiterschreiben will! Nach drei aufeinanderfolgenden Quartalen in Folge ist Apple zur Weihnachtssaison plötzlich mehr denn je zum Erfolg verdammt.

Dass der Platzhirsch plötzlich mit dem Rücken zur Wand steht, hat nach Meinung des Internetstarsanalysten Henry Blodget (Business Insider) durchaus hausgemachte Gründe: Der Upgrade-Zyklus des Vorgängermodells iPhone 4 von 18 Monaten sei schlicht zu lang gewesen.

Apple habe sich verzettelt, zumal mit dem iPhone 4S lediglich ein minimal verbessertes Angebot auf den Markt, das sich optisch nicht mal vom Vorgänger unterschied. 2,5 Jahre mit demselben iPhone-Modell auf den Markt? Am enormen Aufstieg Samsungs ist Cupertino also nicht ganz unschuldig.

Tim Cook stehen zu Beginn seines zweiten Jahres als vollwertiger Apple-CEO folglich seine bisher wichtigsten Wochen bevor. Bisher hat der 52-Jährige bei der Verwaltung von Steve Jobs’ Erbe alles richtig gemacht. Nun muss er liefern: Eine mögliche Verschiebung des iPhone-Launches, Lieferschwierigkeiten oder ein Faux Pas à la Antennagate, und Apples Erfolgsstory könnte plötzlich eine ungewohnte Delle bekommen. Der Börsenstar Apple ist über Nacht in die ungewohnte Rolle zurückgefallen, es der Wall Street zeigen zu müssen.