Microsoft: Mit Windows 10 und HoloLens zurück in die Zukunft

Diese Woche stand im Zeichen von Microsoft. Am Mittwoch haben die Redmonder wie angekündigt ihr neuen Betriebssystems – man spricht jetzt von “Service” – präsentiert. Windows 10 zeigt wie wenig Windows 8 der große Wurf gewesen ist. Endlich hat man sich von unterschiedlichen Versionen für die Gerätegattungen Desktop und Tablet verabschiedet und bietet ein System für alles: vom vier Zoll großen Lumia bis zum 84 Zoll großen 4K-Konferenzsystem Surface Hub. Eine klare Ansage an Apple und Google, die noch mit unterschiedlichen Systemen Mobile und Desktop adressieren. Konzentrieren wir uns aber auf das “One more thing”, das Microsoft Manager Alex Kipman zum Ende der Keynote aus dem Hut zauberte: HoloLens, eine Brille, die die Unterschiede zwischen digitaler und echter Welt verwischen soll.

Ob Ocolus Rift, Sony Morpheus, Google Cardboard oder Galaxy Gear VR: Geht es nach einigen Größen der Computerbranche spielt sich unser digitales Leben auf absehbare Zeit nicht mehr auf Smartphones, Tablets oder klassischen Computern ab, sondern direkt vor unseren Augen in einem sogenannten Head-Mounted Display. Mit Microsoft HoloLens spielt ab sofort ein weiterer Global Player in der Liga der Videobrillen-Produzenten. Obwohl äußerlich mit den Konkurrenzprodukten vergleichbar, verfolgt Microsofts Datenbrille ein komplett anderes Konzept.

Virtuell unterstützte Realität statt virtueller Realität

Die genannten Datenbrillen funktionieren im Grund alle gleich. Setzt man die Brille auf, verschwindet die Umwelt komplett. Man blickt in die virtuelle Realität und ist in der Lage, in andere Welten einzutauchen. Ob eine Achterbahnfahrt, ein Platz in der ersten Reihe bei einem Sportereignis oder König im Minecraft-Imperium – die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

Bei der Verwendung der Microsoft-Brille bleibt die Realität jedoch stets sichtbar und wird lediglich um die digitalen Objekte erweitert. Wie Microsofts Beispielvideo zeigt, bildet HoloLens den digitalen Kalender auf dem Kühlschrank ab, auf der sonst weißen Wand erscheint ein riesiger Flachbildschirm und stets stubenreine Haustiere gibt es auch. Statt vor dem Rechner eine Skype-Konferenz abzuhalten, wandert der Gesprächspartner im digitalen Chat einfach mit in den nächsten Raum.

“Wir haben den Bildschirm entfesselt”, so Microsoft. Auch oder gerade im Business-Bereich sind Anwendungsmöglichkeiten denkbar, wenn es etwa um die Navigation durch Lagerhallen geht oder die Einsortierung von Waren durch die Einblendung von Positionierungshinweisen.

Ein weiteres Beispiel der Anwendungsmöglichkeiten lieferte Microsoft mit einer angepassten Version des Klötzchen-Spiels Minecraft. Statt sich auf ein Display zu beschränken, integriert sich das Spiel komplett in den vorhandenen Raum. Der Wohnzimmertisch wird plötzlich zur strategisch wichtigen Erhebung für die Burg. Sprent man in die Wand ein Loch, fliegen aus dieser Fledermäuse in die Minecraft-Welt.

Überträgt man dieses Prinzip auf andere Szenarien, sind Architekten plötzlich in der Lage, lange vor der Fertigstellung eines Gebäudes mit der Innenausstattung zu beginnen. Immobilienhändler könnten interessierten Kunden noch vor dem Kauf anbieten, das Objekt mit den persönlichen Gegenständen zu füllen, um in Echtzeit einen lebensnahen Eindruck zu vermitteln.

Industrielles Design 2.0

Dass Microsoft tatsächlich deutlich mehr vor hat als Spielerei, zeigt das Anwendungsbeispiel Holo Studio. Die Anwendung ermöglicht es, digital Objekte zu manipulieren und dreidimensional zu gestalten. Produktdesigner und Ingenieure wären durch diese Technik in der Lage, Projekte bereits in der Konzeptionsphase “hautnah” zu erleben. Unterstützt wird HoloLens von sechs bis acht integrierten Kameras. Den bei der Präsentation in Redmond anwesenden Journalisten demonstrierte der Konzern am Beispiel eines Pickup-Trucks und eines Koalas, wie HoloLens beim Design oder der Reparatur von Objekten helfen kann.

Apropos Reparatur: Die eingebauten Kameras helfen nicht nur bei der Erkennung der Umgebung, sondern versetzen bei Skype-Telefonaten den Kontakt auf der anderen Seite der Leitung in die Lage, die Umgebung mit den Augen des HoloLens-Trägers zu sehen. Microsoft verspricht dadurch eine Art Kundenservice 2.0. Statt Anweisungen anzusagen und im besten Fall mit einem Bild oder Video zu illustrieren, ermöglicht HoloLens Zeichnungen und Anmerkungen direkt in das Blickfeld des Trägers. Während der Demonstration, bei dem Microsoft die anwesenden Journalisten verpflichtete, sämtliche Aufnahmegeräte in einem Schließfach zu verfrachten, konnten beispielsweise mehrere Tester mithilfe eines Microsoft-Entwicklers ohne Vorkenntnisse einen defekten Lichtschalter reparieren.

Frühes Entwicklungsstadium

Die beschränkte Anzahl von verfügbaren Produktdemonstrationen sowie fehlende technische Spezifikationen, Veröffentlichungsdatum und Preis zeigen, dass HoloLens derzeit von der Marktreife weit entfernt ist. Die aktuelle Version der HoloLens ist im Grunde noch ein Computer, den man sich um den Hals hängt, zusammen mit einer Brille. Mit dem futuristischen Objekt, das Microsoft auf der offiziellen Webseite präsentiert, hat diese noch relativ wenig zu tun.

Auch Microsofts Video sollte eher als Vision für den nächsten PC und nicht als tatsächliche Produktdemonstration verstanden werden. Microsoft will den Bildschirm zwar entfesseln, in seiner aktuellen Version wird die Sicht aber dann doch durch ein rechteckiges Fenster beschränkt, in dem sich die virtuelle Realität abspielt. Auch das ist eine klare Abgrenzung zu den Virtual-Reality-Headsets. Während die Minecraft-Klötzchen oder auch die Rakete, die ein Vater in Microsofts Video designt, fast plastisch wirken, zeichnet HoloLens Objekte in die Realität transparent und sorgt dadurch für einen sichtbaren Unterschied zwischen analoger und digitaler Welt, so das Urteil von Engadget. Schafft Microsoft es, die präsentierte Vision in die Realität umzusetzen, könnte der Windows-Konzern damit tatsächlich die PC-Ära endgültig hinter sich lassen.

Filmfreunde wissen es bereits zu würdigen, dass sich Microsoft mit HoloLens visionär gibt. Die VR-Brille die Michael J. Fox als Marty McFly im zweiten Teil von “Zurück in die Zukunft” trägt, lässt Ähnlichkeiten zu Microsofts Brille erkennen. Und Kenner wissen, wann Marty in der Zukunft landet: Richtig, 2015!

Zuerst veröffentlicht auf techtag.de