Kommentar zu "Surface": Microsofts halbgare iPad-Attacke

Apple und Microsoft, das bedeutete lange Zeit: Der eine leistet Pionierbeit, der andere kopiert sie recht erfolglos. Zwei Jahre nach dem iPad steigt Microsoft nun ins Hardware-Geschäft ein. Eine Totgeburt, findet unser Autor Felix Disselhoff.

Steve Ballmer braucht keine eigenen Ideen. Die Strategie des Microsoft-CEOs scheint seit Jahren zu lauten: Was Du nicht erfinden kannst, lässt sich immerhin halbherzig plagiieren. Der iPod half Apple zu unbekannten Höhen. Microsofts Zune war ein gigantischer Flop. Das iPhone mit iOS ist bis heute ein Kassenschlager.

Micrsofts Kin floppte, und Windows Phone 7 konnte Nokias Lummia nicht zum gewünschten Erfolg verhelfen. Und in Sachen Tablets setzte man in Redmond vor Jahren fälschlicherweise auf Hewlett Packards Slate, das schneller in der Versenkung verschwand, als man “Bluescreen” sagen kann.

Schnell kürte die Presse die “Surface”-Tablets zum Rüstzeug für die Attacke auf Apples iPad. Denn: Wenn irgendwer dem wertvollsten IT-Konzern zeigen könnten, was eine Harke ist, dann wohl der wertvollste Softwarekonzern der Welt. Aber schauen wir uns einmal an, welche Katze Microsoft da aus dem Sack gelassen hat:

Die Redmonder fahren zweigleisig: Beide “Surface”-Tablets kommen mit einem 10,6 Zoll großen Display, sind also spürbar größer als 9,7 Zoll große iPad. Größer ist besser, mag man meinen. Aber was rechtfertigt den Einsatz eines fast elf Zoll großes Gerätes für den mobilen Einsatz? Immerhin sollten Tablets doch vor allem eines sein: tragbar. Während das “schwächere” Microsoft-Tablet nur wenige Gramm mehr wiegt als das iPad, bringt die Intel-Variante fast ein Kilo auf die Waage. Kein Gewicht, das man gerne länger in einer Hand hält.

Diffuse Produktstrategie

Wenn ein Unternehmen eine Produktparte launcht, mag man davon ausgehen, dass man entweder auf etablierte Software setzt oder aber einen einheitlichen Standard verfolgt. Im Gegensatz zu Apple, das mit iOS den Appstore für seine mobilen Endgeräten öffnet, vertraut Microsoft offenbar nicht genug auf sein mobiles Betriebssystem Windows Phone 7. Die leistungsschwächere Variante setzt auf Windows RT, was nur den Download von Anwendungen aus dem Windows Market möglich macht.

Das Microsoft-Tablet mit Intel-Prozessor nutzt Windows 8. Das konnte in Tests durchaus überzeugen. Aber warum zwei Modelle launchen, von denen eines signifikant schwächer auf der Brust ist und de facto nichts mit dem größeren Modell zu tun hat? Zumindest dem kleinen Bruder darf man jetzt schon viel Glück wünschen. Denn das dürfte das Tablet brauchen, um sich gegen die die besser ausgerüstete Konkurrenz durchzusetzen.

Weil man sich in Redmond offenbar immer noch nicht vom Desktop-Computing der Nullerjahre verabschieden kann, kommt die “Surface”-Sparte mit Tastatur. Die sieht schick aus. Aber ein Tablet mit eingebauter Tastatur ist ungefähr so konsequent wie eine Hayabusa mit Stützrädern. Wer ein Tablet kauft, will ein leichtes, tragbares, platzsparendes Gadget. Und nicht ein abgespecktes Ultrabook.

Konkurrenz ist gut, auch für Apple

Ob Microsoft denn eventuell in Sachen Display und Gaming punkten kann, verschwieg der Konzern gekonnt auf der Pressekonferenz. Testen durfte man die Tablets nicht. Genaue Spezifikationen zu Display, verbauten Sensoren und Datenübertragung sind nicht bekannt. Die Auflösung sei “HD”. Das kann vieles heißen.

Zwischen den Zeilen gelesen bedeutet das: Womit Microsoft nicht punkten kann, rückt der Konzern auch nicht heraus. Das Retina-Display bleibt in Sachen Bildqualität und Auflösung bis dato unerreicht. Auch wenn Microsoft, wie einige Blogs berichten, auf Full-HD (1920×1080 Pixel) setzen würde, hat der Konzern aus Cupertino noch die Nase vorne.

Fazit: Konkurrenz ist gut. Auch für Apple. Mit Microsoft steigt einer der größten Player der IT-Branche in den Hardwaremarkt ein und hat sowohl das Know-how als auch das passende Betriebssystem, um seine Tablets erfolgreich zu machen. Zumindest auf dem Papier. Doch es scheint einmal mehr nur ein halbherziger Versuch zu sein, zu spät in einen hart umkämpften Markt einzudringen. Und das mit einer für Außenstehende diffusen Produktstrategie, dem dem Nutzer die Wahl lässt zwischen einem vermutlich billigeren Modell, das leistungsschwach und im Vergleich mit wenigen Anwendungen kompatibel ist, oder einem Kraftmeier, der preislich und auch vom Gewicht her eher mit Ultrabooks als anderen Tablets konkurrieren dürfte.

In den vergangenen Jahren hat das iPad schon so einige vermeintliche Killerschwadrone abgewehrt. Derzeit gibt es keinen Grund zu glauben, warum sich das mit den “Surfaces” ändern sollte.