Kommentar: Apple darf nicht alleine für Bildung sorgen

“Nicht alles was glänzt ist Gold”: Diese Binsenweisheit trifft auf die von Apple vorgestellten Textbooks zu. Denn nicht alles was schon aussieht, ist auch gut für die Gesellschaft. Vor allem nicht für Schulkinder. Ein Kommentar

Im ersten Moment klingen Apples Ankündigungen der letzten Woche schön und vielversprechend. Die digitalen Textbooks auf dem iPad sollen die gedruckten Schulbücher ersetzen. Mit iBooks 2 und iBooks Author bietet der Konzern aus Cupertino die passenden Apps zur Verwaltung und Erstellung der Bücher kostenlos an.

Schüler und Studenten erhalten durch Videos, 3D-Animationen und andere Elemente aufgewerteten Lesestoff, der weniger wiegt und sich deutlich einfacher und günstiger aktuellen Lehrplänen oder dem Stand der Forschung anpassen lässt – und nebenbei noch den Papierverbrauch reduziert.

Handwerkliche Fehler und Systemfragen

Doch auf den zweiten Blick offenbaren sich neben handwerklichen Fehlern auch grundsätzliche Fragen für ein Bildungssystem. Erstere kann Apple selber beheben, doch bei letzteren ist die Gesellschaft gefordert, sich nicht von einem Unternehmen abhängig zu machen – so perfekt und schön die Produkte von Apple auch sein mögen.

Um ein sinnvolle Alternative im Bildungsbereich darzustellen, muss Apple den Speicher des iPads vergrößern. Das derzeit günstigste Modell verfügt nur über einen 16 Gigabyte großen Speicher, der sich nicht mit Speicherkarten erweitern lässt. Die von Apple kostenlos angebotenen ersten zwei Kapitel des Buches “Life on Earth” sind bereits 1,3 Gigabyte groß.

Diese Beispielseiten sind zwar vollgepackt mit Videos und anderen Zusatz-Inhalten, doch gerade diese machen das neue Format ja interessant. Selbst wenn die Verlage sich an die von Apple vorgegebene Maximalgröße von zwei Gigabyte halten, passen im Idealfall nur acht Bücher auf ein iPad – und sind wir mal ehrlich, kaum jemand wird sein iPad nur als Schulbuch-Ersatz nutzen.

Apple bietet mit iBooks Author die Software zur Erstellung der Textbooks zwar kostenlos an. Die Autoren geben den Geschäftsbedingungen zufolge aber zahlreiche Rechte an ihren Büchern ab und dürfen diese nur über den iBookstore verkaufen, wobei Apple 30 Prozent Provision einbehält. Für Profi-Autoren unzumutbare Zustände – und gerade die wünscht man sich ja für Schulbücher. Lockere Vorschriften müssen her.

Apple zufolge sind die digitalen Textbooks mit einem Preis von maximal 15 Dollar zwar deutlich günstiger als die gedruckten Schulbücher, die bis zu 75 Dollar kosten können, doch die Anschaffungskosten für das iPad sind extrem hoch. Mindestens 500 Dollar werden für das Tablet fällig und der Spar-Effekt tritt nicht sofort ein. Eine günstigere iPad-Version würde sicherlich den Umsatz ankurbeln. Amazon macht mit dem Kindle vor, wie es funktioniert.

Bildung als geschlossenes System

Wie für jedes andere Unternehmen ist der Bildungsbereich für Apple nicht nur wegen der garantierten Umsätze – entweder zahlt der Staat oder jeder in den Bildungseinrichtungen muss die zum Standard erkorenen Geräte selbst bezahlen – interessant, sondern auch, um die Verbraucher von morgen an die eigenen Produkte zu gewöhnen.

Apple setzt auf ein ein sehr geschlossenes System aus Hard- und Software, das zwar eine große Stabilität und Sicherheit bietet, dem Nutzer jedoch nur wenige Freiräume lässt und ihn sehr an das Apfel-Logo bindet. Im Vergleich erscheinen sogar Windows von Microsoft und Android von Google als offene Systeme.

Die Bindung an einen Konzern birgt darüber hinaus die Gefahr der Zensur. Zwar sind Schulbücher Gemeinschaftsproduktionen, die von vielen Stellen als offizielle Bildungsliteratur abgesegnet werden müssen, doch trotzdem wäre es ein leichtes für einen Shop-Betreiber diese zu entfernen.

Derzeit sehe ich die Gefahr zwar nicht, aber was wäre, wenn die Führungskräfte bei Apple ihre Meinung zum Beispiel in familienpolitischen Fragen ändern und auf diesem Wege Überzeugungsarbeit leisten wollen oder die Chance sehen durch die Verbannung von Handbüchern der unliebsamen Konkurrenz Probleme zu bereiten.

Flexibel in die Zukunft

Mir graust es davor, wenn Schüler nur noch eine Software oder einen Hardware-Hersteller kennen lernen. Im Idealfall lernen sie in der Schule die Vor- und Nachteile aller wichtigen Betriebssysteme kennen und nutzen sie auch. In einer idealen Welt prangte auf den Tablets oder Computern kein Hersteller-Logo und zur Nutzung wäre keine Zwangsanmeldung mit persönlichen Daten nötig.

Der gesellschaftliche Fortschritt macht vor dem Bildungsbereich nicht halt und über kurz oder lang hält Technik Einzug in digitale Klassenzimmer und Hörsäle. Doch nicht nur für Schüler und Studenten, sondern für die Gesellschaft muss ein offeneres System her als eine reine Apple-Lösung. Die schicken digitalen Textbooks sollten zu einem offenen Standard werden, der plattformübergreifend nutzbar ist.

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