Kennen Sie das Phantom Vibration Syndrom?

Es ist eine Krankheit unserer Zivilisation und viele Manager leiden darunter. Die Rede ist von PVS. Und auch wenn Sie diese Krankheit nicht kennen, sicherlich sind auch Sie davon betroffen. Denn das “Phantom Vibration Syndrom” breitet sich unaufhörlich aus. Oder hatten Sie noch nie das Gefühl, Ihr Handy würde in der Hosentasche klingeln, obwohl es vielleicht sogar ausgeschaltet war? Die ständige Alarmbereitschaft, der wir uns unterwerfen, treibt diese seltsamen Blüten in unserer Wahrnehmung.

“Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ meinte schon Kurt Tucholsky. Doch das Unterbewusste kann man nicht austricksen. Wir leben nun einmal in einer Zeit, in der sich die Informationen unserer Welt in unserer Hosentasche ansammeln. Nein-Sagen bedeutet damit auch, nein zur Welt zu sagen, nein zu den Inhalten, die uns das Leben lehrt, nein zur Kommunikation. Außerdem wollen wir uns selbst der Welt mitteilen, uns ihr nicht verschließen und aktiv daran teilhaben – immer und überall. Heraus kommt das dringende Bedürfnis, immer erreichbar zu sein. Und dabei vollkommen zu vergessen, dass in der Realität der Akku eigentlich leer ist. Und dennoch fühlen wir es in unserer Hosentasche vibrieren.

Die Wissenschaft der kognitiven Forschung nennt dieses Phänomen unserer Zeit „Phantom Vibration Syndrome“ und gibt damit nur einem Symbol unserer kurzlebigen Gesellschaft einen Namen. Wir leben in einem Overflow der Informationen, dem wir ständig versuchen Herr zu werden. Und bei dem wir vollkommen vergessen, dass “das Leben kurz ist, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von dieser kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu genießen.” (Jean-Jacques Rousseau). Erst wenn das imaginäre Handy in der Hosentasche anfängt zu vibrieren – oder wir uns das zumindest einbilden – wird uns bewusst, dass uns unsere Informationsgier eingeholt hat.

Dabei entsteht PVS ganz langsam und allmählich. Es ist eine Gewöhnungssache, die wir uns irgendwann nicht mehr abgewöhnen können. Oder wie Peter Tse, Psychologie-Professor am Dartmouth College es ausdrückt: „Phantom Vibrations Alarme entstehen, weil die Handynutzer eine Art Vorlage in ihrem Kopf entwickelt haben. Ich kann beispielsweise auch eine Vorlage für Babygeschrei im Kopf haben und manchmal, wenn es still ist, kann ich mir einbilden, dass das Baby wirklich schreit.” Dies geschieht, weil unser Gehirn die auf uns einprasselnden Informationen konstant filtern und in bereits gespeicherte Informationen eingliedern. Manchmal werden dann falsche Infos mit bestehenden Infos zusammen gefügt und eine Fehlinterpretation des Erlebten ist die Folge.

So abwegig es deshalb erscheint, dass wir unter einem Syndrom leiden, für das die Welt bis vor kurzem nicht einmal einen Namen hat – es ist normal. So normal, wie das Zusammenzucken, wenn irgendjemand Ihren Namen ruft. Abhilfe schafft dann nur eines: Entwöhnung. Schalten Sie einfach den Vibrationsalarm Ihres Handys ab, damit das Gehirn einen Telefonanruf nicht mit dem Vibrieren in Ihrer Hosentasche verbinden kann. Schon bald wird das PVS sich dann in Wohlgefallen auflösen.