iMusik für Fortgeschrittene: Professor Ge Wang und sein iPhone-Orchester

Ge WangDas iPhone ist mehr als nur ein schnödes Smartphone – es ist ein Instrument. Und Professor Wang, Entwickler zweier Musik-Apps, spielt es virtuos.

Auf YouTube sind zahlreiche derartige Clips zu sehen, bis hin zu einem mit iPads ausgerüsteten Streichquartett. Die begeisterten Musiker nutzen ihr iPad wie eine Violine. Die erstaunliche Erkenntnis aus all diesen Videoclips: Musizieren war noch nie so einfach. Mit dem iPad können professionelle Musiker ebenso Musik machen wie Ungeübte. Mithilfe der App “Magic Fiddle” verwandelt sich das Tablet in ein Saiteninstrument und wird zu einer „Pseudo-Geige“ für jedermann. Entwickelt hat diese App ein Mann, der bereits frühzeitig das in einem Mac steckende Potenzial zum Musizieren erkannt hat. Sein Name ist Ge Wang.

Doch blicken wir zurück: Im Jahr 2007 kam ein junger Assistenzprofessor – Programmierer, Wissenschaftler und Komponist – an die Stanford University zum Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA). In seinem wissenschaftlichen Gepäck hatte er eine von ihm entwickelte Software, mit der sich Musik für ein Laptop-Orchester programmieren ließ. Ihr Name: ChucK. Mit dieser leicht zu erlernenden Programmiersprache konnten Audiosignale erzeugt und verarbeitet werden. Anhand eines unkompliziert geschriebenen Codes ließ sich spontan mit Klang und musikalischen Ideen experimentieren.

Hast du Töne
Was Ge Wang dann ausgiebig tat. Als „Instrument“ griff er dabei auf ein MacBook oder ein MacBook Pro zurück. Die Musiker waren Studenten aus Stanford, mit denen der Professor das Stanford Laptop Orchestra (SLOrk) gründete. Die Instrumente des Orchesters waren im strengen Sinne nicht die Computer, sondern das auf dieser Plattform mit Hilfe von ChucK erstellte „Instrument“. Jeder der SLOrk-Musiker schreibt sein Programm selbst und instruiert damit sein MacBook, einen bestimmten Sound zu produzieren. Eben wie ein einzelnes Musikinstrument innerhalb eines Orchesters. Tippt der „Musiker“ eine Taste auf dem Keyboard oder bewegt seine Finger über das Trackpad, entsteht ein Ton. Theoretisch lässt sich darüber, wie Professor Ge Wang sagt, „jeder Ton erzeugen“. Gemeinsam musiziert das Orchester dann, indem die im MacBook eingebauten Sensoren und der Accelerometer genutzt werden.

ChucK setzt den Accelerometer und den eingebauten Beschleunigungsmesser beim MacBook ein, um während der Aufführung einen Ton ausdrucksvoll zu verändern. Das geschieht folgendermaßen: Die Musiker neigen auf Zeichen des Dirigenten hin das MacBook zur Seite und die Tonhöhe ändert sich von Moll zu Dur. In ähnlicher Art und Weise greift ChucK auf den Positionssensor des Trackpads zurück. Streichen die Musiker mit dem Finger über das Trackpad, so erzeugen sie einen bestimmten Klang. ChucK holt aus jedem MacBook einen besonderen Ton hervor, und wie in einem traditionellen Orchester sendet jedes einzelne Instrument seinen eigenen Klang aus, über Lautsprecher verstärkt.

Flötentöne mit dem iPhone
Das waren die Anfänge, aus denen bald mehr hervorgehen sollte. Professor Ge Wang erkannte, dass sich auch das iPhone als Musikinstrument verwenden ließ und entwickelte dafür eigens eine
App, die auf seiner Programmiersoftware ChucK aufsetzte. Dazu gründete Ge Wang im Jahr 2008 das Unternehmen Smule zur Erforschung von Schallanwendungen auf dem iPhone. Die erste Anwendung für das iPhone war die App “Ocarina”. Eine Okarina ist ein altes, flötenartiges Toninstrument, eine Art Schnabelflöte, die bereits von den Maya und Azteken gespielt wurde und nun mithilfe des iPhone wiederbelebt wird. Dem iPhone werden die Okarina-Töne entlockt, indem der Musiker in das Mikrofon bläst und das Multi-Touch-Display nutzt, um den Fingersatz zu kontrollieren. Über die Amplitudenschwankungen am Mikrofon wird die Luft in Töne umgewandelt. Auch hierbei greift die App auf den eingebauten Beschleunigungssensor des iPhone zurück; um den Klang zu modulieren, wird das iPhone etwas geneigt. Der Ton der Smule Ocarina wird lediglich durch die Bewegung, Berührung und den Atem des Künstlers erzeugt. Versierte Musiker sind in der Lage, mit Smule Ocarina eine Auswahl diatonischer und harmonischer Skalen zu beherrschen.

Anders sieht es bei der ebenfalls von Smule entwickelten iPad-App “Magic Fiddle” aus: Um dieses „Instrument“ zu beherrschen, ist keineswegs eine musikalische Ausbildung erforderlich, diese Geige kann jeder spielen. Und zwar auf genau die Art und Weise, wie eine herkömmliche Violine gespielt wird. Die Saiten werden mit den Fingern „gedrückt“, die andere Hand simuliert den Geigenbogen und streicht über das iPad. Für jene, die zuvor schon ein echtes Saiteninstrument gespielt haben, bedeutet dies keine Umstellung. Doch auch wer bislang nie eine Geige in der Hand gehalten hat, wird mit Magic Fiddle kein Problem haben. Selbst ohne jegliche Erfahrung lernt der Anfänger schnell die richtigen Positionen der Finger und die Nuancen des Instruments kennen, wobei der sogenannte Storybook-Modus – eine bilderbuchartige Anleitung – behilflich ist.

Aller Anfang ist leicht
Die Magic Fiddle spielt nicht nur vorab aufgenommene Noten, das Gerät erschafft selbst Musik. Dabei werden physikalische Modellierungen genutzt, die in Stanford entwickelt wurden. Das iPad selbst wurde so programmiert, dass es über den Weg der App einzigartige Töne generieren kann; zwar sind die Töne nicht vollkommen identisch mit der einer echten Geige, aber sie folgen denselben Modellen. Doch mit Worten ist die Faszination schwer zu erklären, am besten
man hört sich das an – oder probiert die Magic Fiddle selbst einmal aus. „Die App macht einfach Spaß“, ist Ge Wang überzeugt. Für Einsteiger hält die App Magic Fiddle ein Songbook mit 20 Liedern bereit, mit denen der Beginn leichtfällt. Und für den fortgeschrittenen Violinisten gibt es Add-ons mit noch mehr Songs. Magic Fiddle ist leicht bedienbar und zeigt, wie vollendet man auf einem elektronischen Gerät wie iPhone oder iPad spielen kann.

Und die App hat zu guter Letzt noch ein paar Gimmicks auf Lager: Eines davon ist das Smule Global Feature, über das der Magic-Fiddle-Spieler seine Lieder weltweit anderen Musikern zugänglich machen kann. Klar, dass die Entwickler von Smule nicht bei der Magic Fiddle App haltmachen. Wer sich auf der Webseite umsieht, findet inzwischen auch das Magic Piano, mit dem selbst absolute Anfänger Piano spielen können, indem sie schlicht ihre Finger einem Lichtstrahl auf dem Touchscreen folgen lassen und so die in der App bereits geladenen Songs eindrucksvoll spielen können. Wer weiß, vielleicht dauert es nicht mehr lange, und im Apple Store wird das erste iTunes-Konzert eines Kammerorchesters mit iPhone und iPad aufgeführt.

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