Hockney-Ausstellung "A Bigger Picture": Wenn das iPad zur Leinwand wird

David Hockney

Seit den 1960er Jahren sucht der Künstler David Hockney Wege, die Räumlichkeit des Sehens in seinen Werken festzuhalten. Statt Pinsel und Leinwand arbeitet der Brite zunehmend auch mit Mal-Apps auf dem iPad. Diese surrealen wie lebendigen Arbeiten stehen nun im Fokus einer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig.

Fragt man im Bekanntenkreis herum, was man so unter Kunst verstehen kann, bekommt man natürlich unterschiedliche Antworten. Genannt werden meist: die Malerei, Installationen, Film, Bildhauerei, Fotografie. Auf die Nachfrage, ob man auch mit dem Computer Kunst erzeugen kann, erntet man – nach kurzem Stirnrunzeln des Gegenübers – meist die Antworten: Musik oder Spiele. Die Idee, zum Beispiel mit einem iPad großflächige Bilder zu erzeugen, liegt vielen eher fern.

David Hockney sieht das komplett anders. Der in den 1960er Jahren berühmt gewordene Maler hat sich in den vergangenen Jahren zu einem vehementen Verfechter neuer Technologien in der klassischen Kunst entwickelt, und er hat damit auch noch Erfolg. Grundlage seiner Werke, die in einer Werkschau im Kölner Museum Ludwig bis zum 3. Februar 2013 zu sehen sind, bildet die nur knapp 13 Megabyte große App Brushes, die es für das iPad und das iPhone gibt.

Die App ist eigentlich recht unspektakulär. Zu Beginn steht man – wie jeder Künstler – vor einer weißen Leinwand. Die Inspiration ist gefragt. Dafür stellt das Programm dem angehenden Maler aber jede Menge Hilfsmittel zur Verfügung. Farben lassen sich mischen, Pinsel in jedweder Form und Stärke nachbilden. Damit man Details bearbeiten kann, lässt sich der Bildausschnitt beliebig vergrößern, sodass man fast im Pixelbereich arbeiten kann. Und ein falscher Strich ist natürlich schnell wieder gelöscht.

Kunst fürs Telefonbuch

Das macht jede Menge Spaß, aber kann man damit große Werke zeichnen? David Hockney kann es, und zwar so gut, dass seine Bilder weltweit gezeigt und verkauft werden. Als Apple das iPhone 5 vorstellte, zeigte der Safari-Browser in der Präsentation sogar Hockneys Webseite. Hockney hat in seinem Künstlerleben viel mit unterschiedlichen Werkzeugen gearbeitet. In den 1960er Jahren war es die Malerei.

Später folgte eine intensive Phase, in der er sich mit der Fotografie beschäftigt hat. In den 1980er Jahren mischte er beide Kunstformen zusammen und erstellte riesige Collagen aus Polaroids. Seine Kunst konnte man Ende der 80er Jahre auf dem Cover des Telefonbuches in Großbritannien sehen und in den 90er Jahren pinselte er mal eines der berühmten Art Cars von BMW an. Den Weg zur elektronischen Kunst fand er 2009, als er das erwähnte Programm entdeckte.

Weder fällt das lästige Mischen an, noch drohen Farben auf dem iPad auszubleichen oder zu bröckeln. Je weniger Sorgen sich der Künstler um das Handwerk machen muss, desto mehr Zeit hat er, sich um das Motiv und dessen Darstellung zu kümmern.

Der Stil seiner iPad-Bilder ist synthetisch. Die Farben wirken, nicht zuletzt wegen der hohen Strahlkraft des Bildschirms, fast unwirklich und ein wenig surreal. Es gibt lila Baumstämme, blaue Wiesen und grünliche Himmel. Die Farben überlagern beinahe das eigentliche Motiv. Dennoch strahlen die Bilder eine einzigartige Lebendigkeit aus, sie irritieren, regen an und verstören ein wenig.

Hockney ist nicht der erste Maler, der der Landschaftsmalerei eine neue Richtung zu geben versucht. Aber die Kombination aus elektronischer Herstellung, eigenen Farb-Interpretationen und seinen Landschaftsmotiven sind dann doch so neu und so einzigartig, dass sich Sammler dafür schnell begeistern konnten.

Kunst wird mobil

Das Problem an der Sache ist nur, wie man die Bilder vom iPad auf die teils fünf Meter großen Ausdrucke bekommt. Brushes liefert aber auch hier die Antwort. Mittels einer Export-Funktion werden die Bilder auf den Rechner übertragen, dort noch einmal bearbeitet, um dann in Spezialdruckern ausgedruckt zu werden. Der Künstler signiert die Bilder – und nur diese signierten Exemplare haben dann auch den geschätzten Wert. Hockney kann mittlerweile derartig schnell mit dem Programm arbeiten, dass er mehrere Dutzend Bilder in wenigen Monaten herstellt.

Diese werden aber nicht immer ausgedruckt. Viele Gemälde werden auf Ausstellungen einfach auf dem iPad gezeigt. Ein ganzer Zyklus lässt sich mit der Apple-Wischgestentechnik in kurzer Zeit betrachten. Das macht die Kunst mobiler, man ist nicht nur auf den Besuch einer Galerie oder den Kauf von schweren Kunstbänden angewiesen. Es macht das einzelne Werk aber auch austauschbarer, weil es wie ein Strom von Nachrichten auf Twitter vorbeirauscht.

Für David Hockney ist das Malen auf dem iPad eine logische Weiterentwicklung der Kunst. Picasso und und Van Gogh wären begeistert gewesen, meinte er neulich in einem Interview, weil man mit Farben viel leichter und einfacher arbeiten kann. Weder fällt das lästige Mischen an, noch drohen Farben auf dem iPad auszubleichen oder zu bröckeln. Je weniger Sorgen sich der Künstler um das Handwerk machen muss, desto mehr Zeit hat er, sich um das Motiv und dessen Darstellung zu kümmern.

Ist die elektronische Malerei also die Zukunft der Kunst? Da will sich David Hockney nicht festlegen. Aber das Malen ist seiner Meinung nach allen anderen Kunstformen, insbesondere der Fotografie, überlegen. Während ein Foto nur einen Moment einfrieren kann, nur eine einzige Perspektive liefert, kann die Malerei, so Hockney deutlich mehr. Fotografien wirken für ihn oft nur wie zu stark fokussierte Ausschnitte, weil die Kamera kein daneben kennt. Ein Bild kann breitwandiger sein und dennoch einzelne Details darstellen, und genau da versagt für Hockney oft die Fotografie. Ihr gelingt es seiner Meinung nach nur selten, die Ebene der reinen Darstellung zu verlassen.

Über eine Million Besucher

Die Räumlichkeit des Sehens, die in zweidimensionalen Bildern nur unzureichend festgehalten werden kann, beschäftigt den Briten schon sein ganzes Leben. Seine Bilder und Collagen gab es meist im Großformat, um den Betrachter in eine andere Welt hinein ziehen zu können. Das Spiel mit der visuellen Wahrnehmung betreibt er auch mit Videoinstallationen. Er hat auf einem Auto 18 Kameras installiert, die bei Schrittgeschwindigkeit die Umgebung abfilmen. Diese Bilder werden dann auf 18 große Monitore projiziert und erlauben eine komplett neue Wahrnehmung des abgefilmten Raumes. Der Blickwinkel wird nicht mehr eingeschränkt. Das Gesamtbild wird einerseits zur Herausforderung, andererseits lassen sich auf einzelnen Bildschirmen kleinste Details finden. Man wechselt permanent die Betrachtungsebene und sucht seine eigenen visuellen Anker.

Das digitale Malen ist also nur eine Variante, die Hockney für seine Kunst benutzt. Im Fokus der Ausstellung stehen aber die Kunstwerke, die er mittels Brushes auf dem iPad gezeichnet hat. Die Veranstaltung im Kölner Museum Ludwig ist teilweise von der Royal Academy of Arts London entwickelt worden, die in England immerhin rund 650.000 Besucher anzog. Eine ähnliche Ausstellung in Bilbao lockte knapp 500.000 Interessierte an. Der Erfolg zeigt, dass das Publikum die neue Form der Malerei annimmt oder sich zumindest dafür interessiert.

David Hockney ist mit Sicherheit ein Pionier der neuen digitalen Malerei. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich diese Kunstform mit steigender Verbreitung von Tablets und großen Touchdisplays entwickeln wird. Es ist durchaus denkbar, dass die digitale Form der darstellenden Kunst für einen neuen Aufschwung in der Szene sorgen wird. Die App Brushes wird nicht die letzte ihrer Art sein. Die neuen Technologien beginnen gerade erst, die Kunst zu revolutionieren.