Halbjahresbilanz 2015: Die ITK-Branche muss ihre Chancen verwerten

Die ITK-Branche wächst und beschäftigt fast eine Million Mitarbeiter. Durch das Internet of Things und die Industrie 4.0 öffnen sich gewaltige Chancen für Unternehmen in Deutschland. Komplexe Rechtsfragen und mangelnde Innovationskraft stellen die Spieler aber auch vor große Herausforderungen. Spezialisten und Rookies sind gefragt.

Im März hatte der Digitalverband BITKOM seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr angehoben. Der Umsatz mit Informationstechnologie, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik soll demnach 2015 um 1,5 Prozent auf 155,5 Milliarden Euro wachsen. Bislang war der Verband nur von einem Anstieg um 0,6 Prozent ausgegangen.

Auch wenn laut BITKOM die Erwartungen in allen großen Segmenten, von der IT-Hardware über Software und Dienstleistungen bis zu den Telekommunikationsdiensten, günstig sind, beträgt Deutschlands Marktanteil am weltweiten ITK-Umsatz nur 4,2 Prozent. Zum Vergleich: Der Marktanteil in der Automobilindustrie beträgt rund 30 Prozent.

Die verschiedenen Bereiche im Überblick:

1. Informationstechnologie: 80,3 Milliarden Euro (+ 3,2 %)

  • Software: 20,2 Milliarden Euro (+ 5,7 %)
  • IT-Dienstleistungen (Beratung und Projektgeschäft): 37,3 Milliarden Euro (+ 3 %)
  • IT-Hardware: 22,8 Milliarden Euro (+ 1,3 %)

2. Telekommunikation: 65,3 Milliarden Euro (+ 0,1 %)

  • Infrastruktursysteme: 6,5 Milliarden Euro (+ 3,6 %)
  • Endgeräte: 9,5 Milliarden Euro (+ 1 %)
  • Festnetz- und Mobildienste: 49,3 Milliarden Euro (- 0,5 %)

3. Unterhaltungselektronik: 9,9 Milliarden Euro (- 3 %)

Besonders beliebt ist IT made in Germany bei den Briten, die 2014 für 1,96 Milliarden Euro deutsche ITK-Produkte einkauften. Auf Platz zwei und drei folgen Frankreich (1,89 Milliarden Euro) und die Niederlande (1,65 Milliarden Euro).

Infografik: Top 10 Exportmärkte für deutsche ITK-Produkte | Statista

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Die Lage am Arbeitsmarkt

Erfreulich ist die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. So sind der neuen BITKOM-Prognose zufolge im vergangenen Jahr voraussichtlich 26.000 neue Arbeitsplätze statt der erwarteten 10.000 entstanden. Für 2015 rechnet der Verband mit einem weiteren Plus von gut 21.000 Stellen. „Ende des Jahres werden wir mit 990.000 Beschäftigten in den ITK-Unternehmen fast die Million erreichen“, so BITKOM-Präsident Dieter Kempf. Damit festige die Branche ihre Stelle als zweitgrößter industrieller Arbeitgeber in Deutschland, nur knapp hinter dem Maschinenbau.

Internet of Things und Industrie 4.0

Der globale Markt für das Internet der Dinge (IoT) wird im laufenden Jahr rapide steigen. Aktuelle Zahlen von IDC prognostizieren einen Anstieg um 19 Prozent, angeführt vom Bereich Digital Signage. Derzeit sind laut einer aktuellen Untersuchung von Gartner weltweit 3,8 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden, davon 1,8 Milliarden im Verbraucher-Sektor. Die Analysten gehen davon aus, dass das IoT bis 2020 – mit dann 25 Milliarden verbundenen Geräten – zu einer alltäglichen Erscheinung werden wird.

Als Bindeglied zwischen dem Verbraucher und der Industrie ebnet IoT den Weg für die gesamtwirtschaftliche Herausforderung Industrie 4.0. Hier öffnet sich eine Kluft zwischen den großen Playern wie Siemens, die voll auf die digitale Fabrik setzen und den kleinen und mittelständischen Unternehmen, die das Thema wegen der komplexen rechtlichen Fragen vor sich herschieben. „Die deutschen Unternehmen müssen die Anstrengungen weiter erhöhen“, sagt Tobias Fuchs, 4.0-Experte und Partner bei KPMG Law am Rande der Hannover Messe dem Handelsblatt. Dabei seien nicht nur die Hausjuristen gefragt. „Die rechtlichen, technologischen und betriebswirtschaftlichen Kompetenzen müssen stärker verzahnt werden. Der Einsatz von Spezialisten wird immer wichtiger.“

Innovation und Start-ups

Im Global Innovation Index findet man Deutschland nicht mehr unter den Top Ten. Die Old Economy ist offenbar gemütlich geworden. Ganz anders die Startups: Sie sind agil und handeln oft auf technisch beeindruckendem Niveau. Und sie vermeiden Wasserköpfe und Bürokratie. Aber auch Startups brauchen Hilfe, um erfolgreich zu sein. Sie benötigen die Stärken der Old Economy. Und dazu gehören nicht nur Kapital und Rahmenbedingungen, sondern auch Werte wie Nachhaltigkeit, Zuverlässigkeit und Qualität.

Es gilt für beide Seiten, aufeinander zuzugehen und folgende Herausforderungen zu meistern:

  • Die Old Economy muss ihre Erfolgserwartungen herunterschrauben und Experimente zulassen.
  • Beide Seiten müssen Verständnis für die Strukturen und die Abläufe des Partners aufbringen.
  • Für Old Economy ungewohnte Transparenz trifft auf für Startups langwierige Entscheidungsketten.
  • Startups dürfen nicht verzagen, wenn ihr Thema in der Prioritätenliste des großen Partners nicht ganz oben steht.

„Auch Unternehmer müssen lernen, immer wieder neue Antworten auf diese Kernfragen zu finden. Die Suche danach ist eine Expedition ins Ungewisse“, so Business-Angel und Initiator des CyberForum Friedrich Georg Hoepfner in seinem Wort zum Sonntech.