Ein Jahr ohne Steve Jobs: War Tim Cook die richtige Wahl?

Ein Jahr lang ist Steve Jobs nun tot. Blickt man auf die Geschäftszahlen von Apple, dann ging es dem Konzern nie besser. Rekordverkäufe, Rekordhoch auf dem Börsenparkett. Und doch zeigen Vorfälle wie die jüngste Mapokalypse, dass dem Kult-Konzern sein kultiger Führer fehlt. Dabei hat Apple doch insgeheim ein charismatisches Gesicht in petto.

Was macht einen erfolgreichen Konzern aus? 17 Millionen verkaufte Tablets im vergangenen Quartal? Absoluter Rekord. Fünf Millionen verkaufte iPhone 5 in den ersten drei Tagen. Auch das ist Rekord. Und an der Wall Street verzeichnet man ein Rekordhoch nach dem anderen. Rekord, Rekord, Rekord.

Steht Apple also besser da ohne seinen iGuru? Die Antwort ist nicht einfach, wie die jüngste Panne zeigt. Eine Panne, die weltweit Brücken einstürzen und Straßen schmelzen ließ. Die Rede ist vom Launch der Apple Maps, die so fehlerhaft waren, dass sich CEO Tim Cook genötigt sah, sich bei den Kunden zu entschuldigen und auf die Alternativen hinwies.

Schnell wurden die Stimmen lauter, die da meinten “Unter Steve Jobs wär das nicht passiert.” Sie könnten durchaus Recht haben. Doch Apple leistete sich unter Jobs auch den ein oder anderen Patzer, etwa das Antenna-Gate. So führte die Designänderung beim iPhone 4 dazu, dass das Smartphone bei einer bestimmten Griffposition den Empfang komplett verlor.

Auch MobileMe, der Vorgänger der iCloud, ging 2008 nur unter erheblichen technischen Problemen an den Start. Kurzum: Jobs machte vieles richtig, aber auch einiges falsch. Vor allem im öffentlichen Eingeständnis von Fehlern. So dauerte es beim Antennagate 2010 ganze drei Wochen, bis der iGuru die geladene Presse davon in Kenntnis setzte, dass man dem Problem mit einem kostenlosen Bumper entgegnen würde.

Apple unter Tim Cook ist weitaus offener geworden. So nüchtern wie der neue CEO das iPhone 5 vorstellte, so nüchtern aber auch schnell fiel die Entschuldigung für die Karten-Panne aus. Man bat um Verzeihung und verwies auf andere Dienste. Das zeugt von Größe.

Viel Erfolg, wenig Leidenschaft

Allerdings zeigte sich die neue Offenherzigkeit auch an einer anderen Stelle. So waren vorab beinahe alle Spezifikationen des iPhone 5 bekannt. Die Zuliefererbetriebe in Fernost mit ihren zehntausenden Mitarbeitern sind längst zu einer undurchschaubaren Quelle für Interna geworden. Steve Jobs war bekannt dafür, alles daran zu setzen, Details über ein Produkt bis kurz vor dem Launch geheim zu halten.

Meistens gelang ihm das, aber auch nicht immer, wie der vergessene Prototyp des iPhone 4, mit dem der Techblog Gizmodo seinen Durchbruch schaffte, eindrucksvoll bewies. Kurzum: Der iGod war ein Meister der Perfektion, ein legendärer, visionärer CEO, aber eben auch nur ein Mensch.

Für viele war der Kult um Jobs eng verbunden mit dem Kult um Apple selbst. So verwundert es kaum, wenn sich Menschen an die Zeit unter der Führung des Perfektionisten erinnern. An einen Mann, der mitunter so perfektionistisch war, dass er mit seiner Firma NeXT eine Deadline nach der anderen verstreichen ließ und so die Zukunft des Konzerns ernsthaft gefährdete. Der Mann, der das Potenzial von grafischen Interfaces auf Computern erkannte, der mit dem iPhone den Smartphone-Markt revolutionierte und mit dem iPad das Tablet-Segment erst marktfähig machte.

Der aber auch für seine Emotionalität bekannt war und Android den thermonuklearen Krieg erklärte. Erst kürzlich war bekannt, dass Jobs schon vor langer Zeit die Google-Suche aus iOS verbannen wollte. Dass die schrittweise Ausweisung von Google-Tools auf iPhone, iPad und Co. nicht die weiseste Entscheidung war, dürfte Apple mittlerweile erkannt haben.

Wäre Jon Ive der bessere Nachfolger?

Vielleicht braucht Apple gerade deswegen die Nüchternheit eines Tim Cook mehr als jemals zuvor. Jobs’ Nachfolger ist ein Zahlenmensch, ein Optimierer. Wie gut er das kann, bewies er schon damals, als er den Vertrieb bei Apple revolutionierte. Jetzt ist das Unternehmen auf dem besten Wege, den chinesischen Markt zu erobern, aus dem iPhone 5 das gefragteste Gadget aller Zeiten zu machen und an der Börse die 1000-Dollar-Marke zu knacken.

Und hey, das iPhone 5 ist schneller, leichter und robuster als die Konkurrenz. Was will man als Apple-Fan also mehr? Die Antwort ist einfach: eine Identifikationsfigur. Jobs war gleichzeitig Trainer, Erfinder und Maskottchen der Apple-Mannschaft. Man liebte oder hasste ihn. Mit der Cookschen Zurückhaltung droht Apple ein Konzern von vielen zu werden, die zwar mit technischer Raffinesse brilliereb, aber ebenso unpersönlich daherkommen.

Charisma, ein geniales Verständnis von Design und visionäre Fähigkeiten? Das hat bei Apple nur noch einer: Designchef Sir Jonathan Ive. Fraglos ist Tim Cook der bessere CEO, aber dennoch wäre Apple gut beraten, dem Erfinder des modernen Apple-Designs zu mehr Präsenz zu verschaffen. Der gebürtige Brite gehörte zu Jobs’ engsten Vertrauten und schuf mit ihm den iMac sowie iPhone, iPod und iPad.

Wie auch immer Apple sich künftig präsentieren wird: Das vergangene Jahr hat eindrucksvoll gezeigt, wie gut sich der Konzern von seinem Über-Vater emanzipiert hat. Apple ist auf dem besten Weg, ein anderer Konzern zu werden: eine gut geölte Lokomotive, die von einem Erfolg zum anderen saust. Im Führerhaus steht ein begnadeter Techniker, der den Motor aus dem Eff-Eff kennt. Und doch wünscht man sich einen Lokomotivführer, der auch weiß, wo die Reise hingeht. Einen wie Steve Jobs. Das weiß auch Apple und gedenkt seinem Gründer mit einem Film auf der Firmenwebseite.