Die IT-Weihnachtsgeschichte

Und es begab sich zu einer Zeit – Weihnachtsgeschichten kann man derzeit überall nachlesen. Dabei ist die Welt doch gar nicht mehr das, was man in der Bibel noch nachlesen kann. Kälte, Schnelllebigkeit und IT durchdringen unser ganzes Leben. Gut, wenn man dann seine ganz eigenen Rückzugsmöglichkeiten findet. Wir wollen heute mal eine ganz eigene IT-Weihnachtsgeschichte von Guido, dem Nerd erzählen, der an Weihnachten ein Leben außerhalb der IT kennen lernen musste und durfte.

Guido hatte es satt, immerzu Gefühle heucheln zu müssen. Er war Informatiker urch und durch. Sein Leben bestand aus Bits und Bytes und nur weil Oma dies nicht zu verstehen wusste, konnte er es nicht mal eben ändern. zumal er ziemlich glücklich damit war, noch effizientere Programme zu basteln und mit seinem Kumpel Leiterplatinen zu konstruieren. Die Genugtuung, die ihn dabei ergriff, wenn er wieder ein bisschen mehr Zeit aus den Berechnungen herausschinden konnte, war ihm genug. Weihnachten war deshalb auch für ihn ein Tag wie jeder andere. Mit der Ausnahme, dass seine Eltern ihn, der immerhin schon 37 Jahre alt war, noch immer dazu verpflichteten, den Nachmittag und Abend bei ihnen zu verbringen. Weihnachten war deshalb Stress pur für ihn – so ganz analog unterm Weihnachtsbaum und mit der Familie. Meist waren da auch noch Tanten, Onkels, Cousinen oder Freunde aus der Nachbarschaft. Guido half da nur eins: Im Kopf weitere Berechnungen durchführen, um den Tag irgendwie zu überstehen.

Schon war es wieder soweit: Heilig Abend war herangebrochen. Guido setzte sich also in die S-Bahn, um zu seinen Eltern zu fahren. Bepackt mit den obligatorischen Geschenken, von denen er nie wusste, ob sie passend sind, hasste er diesen Gang nach Canossa abgrundtief. Draußen schneite es dicke Flocken. “Wenigsten ein bisschen so, wie es sein sollte” dachte sich Guido, während die Bahn über die Schienen gen Osten der Stadt rumpelte. In dem kleinen Einfamilienhaus seiner Kindheit war alles nur eng und muffig für ihn. Seine Elter verstanden ihn nicht und er seine Eltern nicht. Sie hatten kein Gespür für Technik und waren deshalb immer wieder froh, wenn er zu Besuch kam, um das eine oder andere zu richten. Er hingegen hatte es sich angewöhnt, so viel wie möglich im Haus zu basteln, während seine Mutter das Essen oder die Geschenke vorbereitete.

Doch in diesem Jahr war alles anders, als er ankam. Vor dem Haus hatten sich die Nachbarn versammelt, ein Krankenwagen stand vor der Tür. Gerade brachte man seinen Vater, der schon gut über 70 Jahre alt war, auf der Trage aus dem Haus. Seine Mutter war vollkommen aufgelöst, starrte leer in die Gegend und konnte es nicht fassen. “Ein Herzinfarkt” meinte der Notarzt, als sich Guido als Sohn zu erkennen gab. “Fahren Sie mit, Ihre Mutter und Ihr Vater werden sie brauchen.” Nur wenige Minuten später stand er mit seiner weinenden Mutter in der Notaufnahme, den Vater hatten sie schon in den OP gebracht. Bange Stunden des Wartens folgten, die nur von der netten Krankenschwester unterbrochen wurden, die aber auch nie etwas neues sagen konnte. Dafür brachte sie den beiden Plätzchen, Kaffee und aufmunternde Worte.

Doch diese verhallten bei Guido ungehört. Er wusste mit der Situation einfach nichts anzufangen, konnte und hatte sich noch nie ein Leben ohne seine Eltern vorgestellt. Der Tod war nie ein Thema und nun doch so nah. Als der Arzt endlich aus dem OP kam, hatte er gute Neuigkeiten: Der Vater lebte, musste aber noch in der Klinik bleiben. Die nette Krankenschwester bot sich an, die beiden zum sozialen Dienst zu bringen, um die Betreuung der Mutter während Vaters Abwesenheit zu organisieren. Guido verstand nur Bahnhof. Wie sollte er das alles managen, wie sich um seine Mutter kümmern, wie den Vater betreuen. Und: Warum ausgerechnet er? Die Welt stand plötzlich Kopf, Guido verlor den Halt. Denn nun konnten Bits und Bytes nicht weiterhelfen.

Dafür aber half die nette Krankenschwester. Nachdem alle ersten Schritte erledigt waren, fuhr Guido mit seiner Mutter nach Hause. Weihnachten war dieses Jahr gestrichen, dafür unterhielten sie sich das erste Mal überhaupt über tiefgehende Dinge wie die Liebe und den Tod. Die Mutter erzählte die Geschichte vom Kennenlernen des Vaters und auch, dass sie ein Patiententestament erstellt hatten. Sie erzählte, wie sie gerne sterben und beerdigt werden würde. Und sie erzählte von ihrer Angst, alleine zu sein. Das wiederum konnte Guido gar nicht verstehen, denn er war immer allein und fand nichts besonderes daran. In den kommenden Wochen rief ihn die nette Krankenschwester jeden Tag an, um vom Gesundheitszustand des Vaters zu berichten und ihm bei den Vorbereitungen für dessen Heimkehr zu helfen.

Das erste Mal in seinem Leben stand Guido nämlich vor einer Situation, die er nicht damit lösen konnte, den Programmcode zu variieren. Hier war Herz und Empathie gefragt – beides Eigenschaften, die Guido nicht wirklich zu den seinen zählte. Umso besser war die Unterstützung durch Caro, die Krankenschwester. Immer wenn er seinen Vater besuchte, sprach sie mit ihm und mit der Zeit wurden die Gespräche vertrauter. Und wieder gab es ein erstes Mal in Guidos Leben: Augenblicke, in denen er sich nicht wünschte, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen oder vor dem Computer zu sitzen. Ja, er ließ das Netbook inzwischen sogar zuhause und genoss es, wenn Caro nach ihrem Dienst sich noch ein bisschen mit ihm zusammen setzte.

Sie war es schließlich auch, die den Vater mit nach Hause brachte, die den Pflegedienst zusammen mit Guido und in enger Absprache mit ihm auswählte und die mit ihm auch alle Behördengänge absprach. Denn zu erledigen gab es vieles, was Guido nicht kannte, nicht wusste und sich eigentlich damit auch nicht beschäftigen wollte. Doch Guido musste lernen, wie er seine Eltern betreuen konnte und Caro war ihm dabei eine große Hilfe.

Eines Abends saß Guido wieder vor seinem Programm, dem er den letzten Schliff geben wollte. Doch er konnte sich nicht konzentrieren. Und zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, dass da draußen mehr ist als nur Technik. Und dass es sich auch zu leben lohnt, ohne dass man IT mit sich herumschleppt. Auch wenn er frische Luft nach wie vor verabscheute und lieber ins Kino ging oder es sich auf dem Sofa bequem machte – Software erleichterte ihm von nun an das Leben, aber es beherrschte es nicht mehr. Was man von Caro nicht unbedingt behaupten konnte…

Und wenn sie nicht gestorben sind….