Das Monster IT-Projekt: Das neue Gepäckabfertigungssystem im Flughafen Amsterdam-Schiphol

Erinnern Sie sich noch an das Fiasko der Gepäckabfertigung im Flughafen London-Heathrow? Tagelang wurde das Gepäck falsch oder gar nicht den passenden Flugzeugen zugeordnet, die Bänder standen still, der Ärger war groß. Gepäckabfertigung erfordert intelligente IT-Systeme – das haben wir wohl alle daraus gelernt. Vor allem auf großen Flughäfen. Mutig nenne ich es deshalb, dass das funktionierende Gepäckabfertigungssystem auf dem europäischen Drehkreuz Amsterdam-Schiphol umzustellen. Ein Monster-IT-Projekt, wie wir aus Heathrow inzwischen alle gelernt haben sollten.

Das neue System, so die ausführende, auf Logistiklösungen spezialisierte Vanderlande Industries GmbH, soll es ermöglichen, die wachsende Zahl von Gepäckstücken, die der Flughafen voraussichtlich in Zukunft bewältigen muss, mit noch größerer Genauigkeit als bisher abzufertigen. Immerhin will der Flughafenbetreiber die Kapazität des Flughafens um 40 Prozent erweitern und damit künftig 70 Millionen Gepäckstücke pro Jahr abfertigen können. Tatsächlich hat das neue System in Halle Süd des Flughafens seine Feuerprobe bereits bestanden: Die neue Gepäckhalle wurde am 16. März eröffnet. Und man hat nichts von fehlenden Koffern, stillstehenden Bändern oder anderen “Bugs” gehört.

“Das Gepäcksystem in der Südhalle ist ein wichtiges Element des strategischen “70 Million Bags”-Programms des Flughafens. Ziel dieses Systems ist es, einen wirtschaftlichen, zuverlässigen und schnellen Abfertigungsprozess zu ermöglichen”, sagte Mark Lakerveld, Senior Manager Baggage beim Flughafen Amsterdam. “Diese Halle wird dazu beitragen, dass Schiphol auch künftig Europas bevorzugter Flughafen bleibt und seine Funktion als Mainport behält.”

Doch vor dem Erfolg steht der Schweiß der harten Arbeit. Und seit Heathrow weiß wohl die ganze Welt, dass ein Gepäckabfertigungssystem nicht einfach nur Laufbänder sind, sondern eine echte Herausforderung an jede IT. Vor allem, wenn die Beförderungsbänder 70 Millionen Gepäckstücke im Jahr meistern sollen und alles dorthin soll, wo es hingehört. Viele Köpfe waren deshalb an der Entwicklung beteiligt, darunter KLM, Vanderlande Industries und IBM. Zusammen mit Grenzebach Automation wurde System ausgelegt, gebaut und getestet.

Nun gilt es als das modernste Gepäckabfertigungssystem und umfasst platzsparende Anlagen mit einer robotergesteuerten Gepäckverladung. Denn der Clou daran ist, dass jedes einzelne Gepäckstück an jeder Stelle seiner Reise lokalisiert werden kann. Insgesamt sind 21 km Transportstrecke dafür zu überwachen. Dazu wird innovative Technologien eingesetzt, wie etwa eine AS/RS-Gepäcklagerung (Automated Storage and Retrieval System) mit 36 Kränen, die eine vollständig redundante Lagerung von mehr als 4.200 Gepäckpositionen bewerkstelligen, die DCV-Technologie (Destination Coded Vehicles) sowie sechs Roboterzellen für die automatisierte Verladung von Gepäckstücken in Container und Gepäckwagen.

Roboter sollen denn auch bis zu 60 Prozent des gesamten Gepäcks in der Südhalle abfertigten, während das Bodenpersonal sich auf die Gäste konzentrieren kann. Zudem werden anstrengende Arbeiten an die Roboter übertragen und die Mitarbeiter so geschont. Auch für die Gepäcklagerung kommen Roboter zum Einsatz. Sie nehmen die Koffer auf Anforderung aus der Lagerung und legen die auf das Förderband. Durch intelligente Steuerung wird so unter anderem eine Überladung des Systems vermieden. Die Fluggesellschaft spart damit Zeit, Kosten und Energie.

Amsterdam bietet damit ein wahres IT-Meisterstück, das jeder, der in Amsterdam umsteigt und in Abflughalle 1 vorbeischaut – zumindest von Außen – begutachten kann. Hier läuft nun eines der modernsten IT-Abfertigungssysteme, das Echtzeit-Fluginformationen mit den Gepäckstücken abgleicht und Koffer bei Bedarf unkompliziert auf einen anderen Flug umleitet. Bleibt abzuwarten, ob die Modernisierung den anstehenden Gepäckmassen wirklich immer Herr bleibt.