Das iPad mini: ein moderner Mythos

Das kleine iPad ist so etwas wie das moderne Ungeheuer von Loch Ness. Um den ominösen kleinen Bruder des “normalen” iPads ranken sich Sagen, jeder will schon einmal ein Teil von ihm gesehen haben. Und doch ist es nicht aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Eine Spurensuche.Befragt man Wikipedia nach dem “Ungeheuer von Loch Ness”, so heißt es dort: “Seit Jahrhunderten wird immer wieder von (unbestätigten) Sichtungen eines Seeungeheuers im Loch Ness berichtet, das Nessie genannt wird. Aufgrund dieser Berichte ist Loch Ness ein beliebtes Ziel für Touristen.”

Nicht seit Jahrhunderten, aber seitdem es das iPad gibt, spekulieren Analysten und Brancheninsider, gleichsam den Touristen am großen Süßwassersee, über die Existenz eines Mini-iPads. Zeitweise brodelte die Gerüchteküche so gewaltig, dass Gründer Steve Jobs sich genötigt sah, Gerüchten um ein kleines Apple-Tablet eine Generalabsage zu erteilen. Das Display sei schlicht zu klein, um es vernünftig zu “touchen”. Ein Novum. Nie zuvor hatte sich Jobs zu Gerüchten in der Öffentlichkeit geäußert.

Nach Jobs’  Tod haben die Gerüchte um ein kleines iPad wieder Fahrt aufgenommen. Wie bei “Nessie” berichten Fachmedien immer wieder von (unbestätigten) Sichtungen. Ein kleines iPad in Aktion hat bislang noch niemand gesehen.

Es scheint ein wenig, als wäre bei Bloggern und Presse der Wunsch der Vater des Gedanken. Denn immerhin spricht viel für ein kleines iPad. Es wäre handlicher, günstiger, würde dank ähnlicher Auflösung auf die App-Infrastruktur des iPad 2 zurückgreifen können und wäre ein Pfund, mit dem Apple im Segment der kleinen Tablets und großen Smartphones, wie etwa dem Galaxy Note von Samsung, wuchern könnte.

Was viele dabei vergessen: Jobs’ Absage war kein Anfall von Allmachtsfantasien, sondern eine durchkalkulierte Ansage, bei der mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der damalige Vize und heutige CEO Tim Cook ein enormes Wörtchen mitzureden hatte. Und wenn Cook eines bewiesen hat, dann dass er unaufgeregt und prinzipentreu handelt. Nach Jobs’ Ableben führte er in aller gebotenen Stille die Geschäfte weiter und tritt er seit der vergangenen iPad-Keynote verstärkt an die Öffentlichkeit. Zuletzt auf seiner Reise durch das Reich der Mitte.

Darüber hinaus hat es Apple schlicht nicht nötig. Produktdiversifizierung ist ein Zeichen von Nichterfolg. Wer nicht genug erwirtschaftet, schafft Line-Extensions und weitet die Produktpalette aus. Das hat Apple mit dem iPad nicht nötig. Neben dem iPhone ist das Tablet die Cash-Cow in Cupertino. Allein am ersten Verkaufswochenende setzte man rund drei Millionen neue Tablets ab. Warum also ein kleines iPad anleiern und neue Bauteile und Lieferanten akquirieren, wenn die iPad-Verkäufe weiterhin wachsen? Und noch weit davon entfernt sind zu stagnieren.

Dass das rennomierte Wall Street Journal und die meist gut informierte taiwanesische Digitimes aus Zuliefererkreisen erfahren haben wollen, dass Apple ein solches Gerät testet, mag durchaus seine Berechtigung haben. Doch so etwas nennt man “Forschung und Entwicklung”. Bevor ein Unternehmen ein Produkt auf den Markt bringt, werden viele Prototypen gebaut. Und ebenso viele wieder verworfen.

Viel wahrscheinlicher scheint es, dass Apple ein iPhone mit größerem Display herausbringen wird. Einige Quellen halten ein Gerät mit 4,6 Zoll für wahrscheinlich. Fakt ist: Konkurrenten wie Samsung haben mit dem Note gezeigt, dass es auch einen Markt für Smartphones mit großen Displays gibt. Würde Apple aber nun ein iPad mini launchen, könnten sich die beiden Produkte gegenseitig kannibalisieren. User wüssten plötzlich nicht mehr, ob sie zum kleinen iPad oder zum großen iPhone greifen sollen, während die Fronten zuvor völlig klar waren.

Bleibt noch die Frage nach dem Preis. 479 Euro für einen Computer mit Mehr-als-Full-HD-Auflösung sind durchaus angemessen. Wer mag, kann für 399 Euro zum iPad 2 greifen oder für rund 349 zu einer Refurbished-Variante. Wem das noch zu viel ist, der muss schlicht zur Plastikkonkurrenz von Huawei und Co. greifen. Denn auch wenn Apple das iPad zu Beginn mit einem Kampfpreis beworben hat, setzt man nicht auf die Billigsparte. iLife à la “Geiz ist geil” – nein, das passt einfach nicht.