Cybersex: vom Nacktselfie zur Roboterliebe

Pornografie ist eine der treibenden Kräfte im Internet. Nur beim Thema Cybersex sind wir über die Fantasien der 1990er Jahre nicht hinausgekommen. Das wird sich jetzt ändern, verspricht eine britische Wissenschaftlerin.

„Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit werden sich gesellschaftliche Normen zu Sex und Beziehungen verändern“, sagt Helen Driscoll, Expertin für Psychologie von Sex und Sexualität an der englischen Sunderland University. „Robophilie mag sich sich heute noch fremd anhören, könnte aber in naher Zukunft ganz normal sein, da sich Haltungen mit Technologie entwickeln“, gibt sie zu bedenken. Driscoll ist sich sicher: Sex mit Robotern, Liebe zu virtuellen Partnern – das wird kommen.

Nächstes Level: „Twerking Butt“

Was wir heute als Cybersex erleben, ist nicht mehr als das Vorspiel: Hier ein Nacktbild via WhatsApp („Sexting“), dort ein Striptease vor der Webcam. In den USA haben laut einer Studie 20 Prozent der 13- bis 19-Jährigen und 59 Prozent der 20- bis 26-Jährigen schon erotische Selfies übers Internet versendet. Die Industrie befeuert die Fantasien mit Vibratoren, die die Partner per Smartphone-App fernsteuern können („Teledildonics„). Nächstes Level: der „Twerking Butt“. Das Videoportal Pornhub hat vor kurzem einen Robo-Hintern vorgestellt, der sich rhythmisch bewegt. Das Gerät ist mit einer Cyberhaut überzogen, die sich auf Körpertemperatur aufheizt. Preis: zwischen 500 und 1.000 Euro. Die Porno-Firma SugarDVD arbeitet bereits an einer Lösung für die Videobrille Oculus Rift, die den Zuschauer „into the action“ bringt. Virtual Reality und die Möglichkeit der Interaktivität bedeuten ein ganz neuer Markt für die Porno-Industrie.

Doch wie wird sich der technologische Fortschritt auf die zwischenmenschlichen Beziehungen auswirken?

Für Hollywood ist das Thema ein alter Hut. In Spike Jones‘ Science-Fiction-Drama „Her“ beispielsweise hat sich der Hauptdarsteller Theodore Twombly, gespielt von Joaquin Phoenix, in das lernende Betriebssystem Samantha verliebt. 2014 gab’s für das Drehbuch einen Oscar. Im Steven-Spielberg-Film „A. I. – Künstliche Intelligenz“ von 2001 leben die Menschen mit Robotern – sogenannten „Mechas“ – zusammen, die ein Bewusstsein haben und emotionale Bindungen aufbauen können. „Ex Machina“, „Lars und die Frauen“, „Der 200 Jahre Mann“ sind weitere Filmbeispiele für die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Alles nur Hirngespinste? Der Autor und KI-Forscher David Levy prognostiziert in seinem 2007 erschienenen Buch „Love and Sex with Robots“ bis 2025 die Entwicklung von Robotern, die emotional empfänglicher seien als der durchschnittliche amerikanische Mann.

Es ist ganz offensichtlich, dass sich die Sicht der Menschen auf Sex und Beziehungen gerade auch in der letzten Dekade drastisch verändert hat. Noch vor zehn Jahren wurde Internet-Dating als Ausweg für Verzweifelte belächelt, heute wischen weltweit über 1,6 Milliarden Menschen bei Tinder nach links (nicht interessiert) oder nach rechts (like). Seit der Markteinführung 2012 sind über sechs Milliarden Matches bei Tinder entstanden.

Sexroboter als Liebhaber akzeptieren

Man kann quasi zusehen, wie die Tabus fallen. Rund 30 Prozent des Webtraffics gehen heute auf das Konto von Sex-Portalen wir Youporn oder Xhamster. Helen Driscoll gibt zwar zu bedenken, dass Pornographie im Verdacht steht, süchtig zu machen, dennoch haben die meisten Menschen nicht aufgehört, Sex zu haben, um Pornos den Vorzug zu geben. Bei Sexrobotern mit Orgasmusgarantie sieht das möglicherweise anders aus. „Porno-Darstellern zuzuschauen ist natürlich etwas anderes, als Sex mit einem Menschen zu haben. Aber je realistischer Virtual Reality in Kombination mit Teledildonics und neuraler Stimulation wird, desto mehr ist es vorstellbar, dass dieses Erlebnis jemand dem Sex mit einem Menschen vorziehen wird“, sagt Driscoll.

Am Reißbrett existieren bereits die Prototypen dieser Zukunft. Während der französische 3D-Künstler César Vonc die Mensch-Maschinen noch am Computer generiert, arbeitet sein kalifornischer Kollege Matt McMullen bereits an der Umsetzung. 2017 will der Künstler und CEO von Real Doll möglichst lebensechte Sexpuppen bereits ab Preisen um die 5.000 US-Dollar auf den Markt bringen. Diese sollen mit ihren Besitzern kommunizieren, fast als wären sie echte Menschen. Im Team von McMullen sind auch ehemalige Mitarbeiter des Robotikunternehmens Hanson Robotics, das auf den Bau humanoider Roboter spezialisiert ist.

Die Mensch-Maschine: 3D-Animation „Soubrobotte“ des französischen Künstlers César Vonc (Bild: César Vonc, cesar.vonc.fr)

Die Wissenschaftlerin Driscoll warnt vor voreiliger Tabuisierung solcher Innovation. Man solle nicht davon ausgehen, dass eine virtuelle Beziehung per se schlechter sei als eine echte Beziehung. „Wir sollten nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die alleine leben und vielleicht nicht die Möglichkeit haben, einen Partner zu finden oder die ihren Partner verloren haben“, sagt Driscoll. Auch für den KI-Forscher Levy ist der Weg vorgezeichnet: „Menschen, die mit allen möglichen elektronischen Gimmicks aufwachsen, werden androide Roboter als ganz normale Freunde, Partner und Liebhaber akzeptieren können.“

Honey Pie from California is a place. on Vimeo.

Zuerst erschienen auf techtag.de