Bessere Behandlung durch vernetzte Ärzte

Über 20 Ärzte aus verschiedenen Teilen Deutschlands vernetzen sich bei der Behandlung von Prostata-Erkrankungen. Die Kommunikation via Video ist für die Patienten nur vorteilhaft.

Das Gesundheitssystem muss eine Vielzahl von Herausforderungen stemmen: Dazu gehören etwa eine immer älter werdende Gesellschaft, die steigende Zahl chronisch Kranker sowie das Versorgungsgefälle zwischen Ballungsräumen und ländlichen Gegenden. Es gilt, die Kostenexplosion zu stoppen, ohne jedoch den hohen Standard der medizinischen Versorgung zu gefährden. Moderne Technik hat das Potenzial, diesen Spagat erfolgreich zu meistern. Ein Baustein ist die Videokommunikation in den Bereichen Telemedizin, Patientenversorgung oder Forschung.

Ein Beispiel für einen effektiven wie effizienten Einsatz von Videotechnologie in der Medizin bildet der in Deutschland wegweisende Zusammenschluss von über 20 Ärzten aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Gemeinsam treffen die Mediziner Entscheidungen bei der Behandlung von Prostata-Erkrankungen. In diesen Fachgesprächen können sich Ärzte die Untersuchungsergebnisse ihrer Patienten zeigen, diese gemeinsam besprechen und sich dabei am Bildschirm sehen.

Konkret bedeutet das: Muss ein Patient im Krankenhaus behandelt werden, informiert sich der behandelnde Arzt per Online-Konferenz bei dem niedergelassenen Facharzt über die Krankheitsgeschichte und bereits erfolgte Untersuchungen. Nach der Klinikentlassung erkundigt sich der behandelnde Facharzt im Krankenhaus über die Therapie. „So können wir Patienten beispielsweise Doppeluntersuchungen häufig ersparen“, sagt Dr. Peter Weib, Chefarzt der Urologie im Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen.

Zudem hat der Patient sowohl beim niedergelassenen Arzt als auch im Krankenhaus immer einen Arzt vor sich, der durch den Austausch mit den Kollegen detailliert und auf dem aktuellen Stand über seine Krankheitsgeschichte informiert ist. So tauscht sich Weib während Videokonferenzen interdisziplinär mit Urologen, Strahlentherapeuten und Pathologen aus. Gerade für Menschen mit Prostatakrebs habe der regelmäßige Austausch zusätzliche Vorteile: „Nicht immer muss bei Prostatakrebs operiert werden – auch eine Strahlentherapie oder regelmäßige Kontrollen sind möglich.“ Um die bestmögliche Therapie zu finden, sei die Meinung verschiedener Fachärzte wichtig.

Unterstützt wird das Kommunikationssystem durch eine gemeinsame Dokumentations-Plattform. „Wir haben uns bewusst für ein besonders sicheres Videokonferenz- und Dokumentationssystem entschieden“, bestätigt Rita Balve-Epe, für das System zuständige IT-Leiterin der Diakonie in Südwestfalen. Um die privaten Daten von Patienten zu sichern, ist das System verschlüsselt. Jeder Patient bekommt für die Konferenzen eine Code-Nummer, so dass keine Namen genannt werden müssen. Ein Anbieter solch kombinierter Plattformen ist beispielsweise Vidyo. Vidyo unterstützt unter anderem das kanadische Ontario Telemedicine Network (OTN), eines der größten Telemedizin-Netzwerke der Welt.

Und so funktioniert die Zusammenarbeit von Weib und seinen Kollegen über die Plattform: Der behandelnde Arzt veröffentlicht Alter, Krankheitsgeschichte, Ultraschallbefunde oder Laborwerte seines Patienten in einer Datenbank, auf die alle teilnehmenden Ärzte zugreifen können. Innerhalb von zwei Wochen gibt jeder Mediziner eine Behandlungsempfehlung ab. Sind nicht alle Teilnehmer einer Meinung, bespricht der behandelnde die Therapiemöglichkeiten mit dem Patienten und erst dann wird entschieden.

Für die Mediziner bedeutet der Zusammenschluss eine ständige Weiterbildung, aber auch Kosten für die Technik und Wartung. Dieser Aufwand hat viele Ärzte bislang davon abgehalten, Videokonferenzsystem bei der Behandlung einzusetzen. Kliniken und Arztpraxen mussten die Netze in der Regel aufrüsten, teils sogar ein eigenes Netz für die Videokommunikation aufbauen. Experten gehen aber davon aus, dass die steigende Zahl Software-basierter Lösungen nach dem Standard H.264/SVC (Scalable Video Coding) nun die Wende bringt. Mit Hilfe von Gateway-Funktionen lassen sich dann bestehende Videokonferenzsysteme anbinden.