Atomic Bomb fürs iPad: Zwischen Schönheit und Zerstörungskraft

Am 16. Juli 1945 zündeten die USA ihre erste Atombombe in der Wüste von New Mexiko. “Trinity” war der Anfang einer 17 Jahre dauernden Forschungsreihe, die Fotografen und Filmemacher vor die eine Herausforderung stellte: How to Photograph an Atomic Bomb. Das gleichnamige Buch mit Motiven aus einer vergangenen wie futuristisch anmutenden Epoche ist jetzt auch als multimediale App (7,99 Euro, iPad App-Link) erhältlich.

“Die Helligkeit erleuchtete jeden Gipfel, jede Schlucht und jeden Kamm der nächsten Bergkette mit einer Klarheit und Schönheit, die unbeschreiblich ist”, notierte der offizielle Bericht des Kriegsministeriums nach der Trinity-Detonation euphorisch. Über 50 Film- und Fotokameras hielten den Moment fest, als das erste Licht einer atomaren Kettenreaktion die Dunkelheit der Wüste bei Alamogordo durchbrach.

Über 50 Jahre wurden die Aufnahmen unter Verschluss gehalten. Erst Mitte der 1990er begann der Dokumentarfilmer Peter Kuran die geheimen Archive ausfindig zu machen, um das Material von über 200 Explosionen – bis zum Verbot oberirdischer Atomtests im Jahr 1963 – für die Nachwelt zu sichern. Eine Auswahl dieser Bilder zusammen mit Hintergrundinfos und technischen Anleitungen veröffentlichte er 2007 in seinem Buch How to Photograph an Atomic Bomb (ab 27,98 Euro, Amazon-Link). Was er auf Papier nicht zeigen konnte, hat Kuran nun in der gleichnamigen App ergänzt: Filmmaterial.

In einem geheimen Filmstudio in den Hollywood Hills von Los Angeles waren Kameraleute und Fotografen rund um die Uhr damit beschäftigt, das Zerstörungswerk kunstvoll in Szene zu setzen. Schließlich ging es neben der wissenschaftlichen Auswertung der Explosionen auch immer darum, eindrucksvolle Bilder zu liefern, um die Politiker zum Bewilligen immer höherer Militärbudgets zu bewegen. Zwischen 1947 und 1969 entstanden in den Lookout Mountain Studios mehr als 6500 Filme. “Die Arbeit dieser Leute war so geheim, dass lange niemand wusste, wer sie überhaupt waren”, sagt Kuran.

Mit seinem Einsatz würdigt Kuran die Arbeit der Menschen, die nur wenige Kilometer von den Detonationen ihre Hochgeschwindigkeitskameras und Fotoapparate platzierten. “Wir bekamen erstmals Anerkennung für unsere Arbeit”, sagt George Yoshitake, einer der letzten überlebenden Kameraleute. Die meisten seiner Kollegen waren in den Jahren nach den Tests an den Folgen der radioaktiven Strahlung gestorben. Im Buch berichtet er, wie er einmal nur mit einer Baseballmütze geschützt einen Atomtest ins Visier einer Foto- und zweier Filmkameras nahm.

Es waren Pioniere, die keine Ahnung hatten, worauf sie sich einließen – weder gesundheitlich noch technisch. In dem Buch schildert Kuran, mit welcher Akribie die Fotografen und Wissenschaftler in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts daran gearbeitet haben, die Aufnahmen der Zerstörungskraft zu perfektionieren. Wie verarbeitet man die Lichtintensität? Wie dokumentiert man die Dynamik der Druckwelle? Wie gelingen die besten Luftaufnahmen? – How to Photograph an Atomic Bomb?

Der Unkenntnis und Naivität der Protagonisten ist es wohl zu verdanken, dass viele Aufnahmen eine surreale Leichtigkeit ausstrahlen. Sie zeigen gut gelaunte Wissenschaftler und Militärs, die Detonationen feiern wie ein Silvesterfeuerwerk. Oder Fotografen, die ihr Equipment aufbauen, als ginge es in den Campingurlaub. Es handelt sich auch um Propaganda-Material, das zusammen mit den Detonations-Dokumenten von der US-Regierung nur zögerlich zur Verfügung gestellt wird. Doch das Material, fordert Kuran, müsse unbedingt aufbereitet und digitalisiert werden, “bevor es zu Staub zerfällt”. Seine bisherige Recherche vertreibt Kuran über seine Webseite.

Nur von zwei Explosionen ist laut Kuran kaum verwertbares Material überliefert. Auf Seite 16 schildert die Buch-App, wie die USA es versäumt haben, die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki ausreichend fotografisch zu dokumentieren.

Fazit: Die App entspricht vom Aufbau dem Buch How to Photograph an Atomic Bomb. An einigen Stellen hat Kuran die vorhandenen Inhalte um Filmmaterial ergänzt. Technisch setzt die App keine neuen Akzente, ist aber für den Autor und Entwickler noch einmal eine gute Möglichkeit, auf seine jahrelange Arbeit hinzuweisen. “Mir geht es darum, einen möglichst realistischen Eindruck der Gewalt dieser Waffen zu geben – wobei mich auch diese bizarre Spannung zwischen Schönheit und Zerstörungskraft fasziniert”, sagt Kuran. – Mission erfüllt.

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