Apple, es reicht noch lange nicht: eine Replik auf Hajos hundert Zeilen Hass

Hajo Schumachers Apple-Rant auf Spiegel Online war ein voller Erfolg. Ein berechenbarer Erfolg. Tausende Mal wurden die hundert Zeilen Apple-Hass retweeted, geliked und geplussed. Trotzdem (oder gerade deshalb) der Versuch einer Erklärung, warum der Text so unnütz ist wie sein Autor unfähig, eine App zu installieren.

Was Hajo Schumacher am vergangenen Wochenende auf Spiegel Online präsentiert hat, war so etwas wie ein Universal-Rant. Eine Hass-Predigt, die erwartbarerweise jedem aus der Seele sprach. Dem Handy-Besitzer, der sich schon immer gefragt hat, was der Hype um das iPhonesoll. Dem Android-Besitzer, der aus Protest Apple-Produkte per se verweigert. Und dem iPhone-Fan der ersten Stunde, der sich jeden Tag in der U-Bahn mit Kleinstkindern konfrontiert sieht, die das ehemalige Luxus-Accessoire zum Kinderspielzeug degradieren.

Meisterstück eines Provokateurs

In Hajos Welt liest sich das dann so: “Einst exklusiv, heute Arschgeweih.” Soll heißen: Was früher heiß war, sieht heute einfach scheiße und peinlich aus. Ist das so? Muss ich mich schämen, weil ich ein iPhonebesitze? Produzieren Samsung und HTC jetzt die neuen It-Phones? Die Antwort liegt im Auge des Betrachters. Ist Daimler scheiße, weil VW auch gute Autos baut? Wohl kaum.

Für Hajo hat sich da aber ein Trend aufgetan. Ein Exodus der kreativen Klasse – weg vom ehemals hippen Konzern mit seinem Ober-Hippie Steve Jobs, der mit einem eventuellen Billo-iPhone die “Geiz ist geil”-Mentalität bedienen will. Das ist Stand-up-Provokation. Und das kann Hajo gut. Wenn nicht sogar exzellent. Gib ihm ein Thema und eine Kamera. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie dieses Video eindrucksvoll zeigt (Dank an André Vatter). Und auch seine Läufer-Kolumne Achilles’ Verse ist konkurrenzlos im deutschen Web.

Doch für einen großanlegten Rant auf der größten News-Webseite Deutschlands hätte es ein wenig mehr Hintergrund gebraucht, wie ich finde. Zu meinem Lieblingsabsatz:

“Selbst Skeptiker mussten eingestehen, dass es einiger Marketing-Brillanz bedurfte, einen Pfennigartikel wie den MP3-Player in ein unverschämt teures Luxusgut zu verwandeln. Mit dem iPodeinher ging der Siegeszug von iTunes. Ein Masterplan wurde offensichtlich: Die Kunden sollten ihr Geld ausschließlich in der abgeschotteten Mac-Welt ausgeben.”

So so, ein Masterplan. In Cupertino nennt man so etwas auch Geschäftsmodell. Vermutlich hat mein Rewe um die Ecke auch einen Masterplan aufgestellt, auf dass ich nur noch in der abgeschottenen Regal-Welt des Rewe mein Geld ausgebe. Und nebenbei: Einen iPod shuffle gibt es schon für 42 Euro. Und was hat der umittelbare Erfolg von iTunes mit dem iPod zu tun? Natürlich sind Hard- und Software aufeinander abgestimmt, aber letzten Endes war iTunes nichts anderes als ein Paradigmenwechsel für den Vertrieb von Musik im Netz. Und der iPodlange Zeit der technisch gesehen beste MP3-Player. Ob man in Zeiten von Smartphones überhaupt noch einen MP3-Player benötigt, darüber kann man vortrefflich streiten.

So wie das manager magazin? Oder Springer-Chef Mathias Döpfner? Oder die geballte Kritik der europäischen Verleger? Nebenbei: Wo steht geschrieben, dass der App Store das Erlösmodell der Zukunft für Verlage ist? Bislang verdient nur die Axel Springer AG prächtig in digitalen Kanälen. Oder weiß Hajo mehr?

Apple wollte nie Luxus sein

Da schreibt der Autor weiter: “Früher, als alles besser war, galt Apples Mac als gut gestaltetes Handwerksgerät für Grafikdesigner. (…) Für das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, zahlte man gerne mehr; die stolzen Mac-Preise waren immer auch eine Art Spende.” Stolzer Mac-Preis? Fraglos haben Apple-Produkte ihren Preis. Aber sind sie überteuert? Wohl kaum. Das beste Beispiel: das iPad. Ohne nun über den Nutzen eines Tablets und seinen Wert zu diskutieren, beißen sich die Mitbewerber nach wie vor die Zähne an Apples Kampfpreis aus. 499 Euro in der Basis-Version.

Da sah Samsung mit seinem Galaxy Tab für damals rund 799 Euro alt aus. Und auch die Apple-Hasser, die zu gern ein Android-Tablet wollten, um damit gegen die hohen Apple-Preise zu demonstrieren. Mittlerweile ist man sich einig: Dem iPadist Konkurrenz nur mit einem niedrigen Preis zu machen. Apple hatte nie die Absicht, das Arbeitsgerät für die Elite zu sein. Der Preis für Apples ersten Welterfolg, den Apple II, lag bei 1298 Dollar. Für damalige Verhältnisse, als Computer noch so viel wie ein Neuwagen kosteten, war das ein unschlagbar niedriger Preis. Doch die Tatsache, dass Apple über gute Programme für Bildbearbeitung und Design verfügte, zog die kreative Klasse an.

Aber weiter im Text: “Und das ist merkwürdig, denn auf dem iPadkann man nicht richtig schreiben, nur schwerlich telefonieren und muss für den Internetzugang unterwegs einen weiteren Mobilfunkvertrag abschließen.” Ist dem so? Wohl kaum. Um darauf zu tippen, empfiehlt sich die gelungene App iA Writer. Und ja: Auch auf Ihrem Computer arbeiten Sie nicht mit dem Editor, sondern habe eine Software installiert. Für die reine Telefonie ist das Tablet auch nicht gedacht. Dafür gibt es ja Smartphones. Oder Telefone. Oder Telefonzellen. Warum ausgerechnet ein Tablet telefonieren können muss? Keine Ahnung. Hajo weiß es. Einen zusätzlichen Mobilfunkvertrag fürs mobile Surfen muss man mittlerweile auch nur in den seltensten Fällen abschließen. Ein Anruf beim Provider genügt und man bekommt im Idealfall eine Partner-Sim-Karte zugeschickt.

Eine Beichte an das eigene Apple-Ich

So subsumiert Hajo: “Ein ursprünglich angenehm anderes Etwas, das seinen Anhängern ein Robin-Hood-Gefühl gab, ist durch seine Vermassung entleert worden.” Das erinnert ein wenig an Hausbesetzer-Poesie. Aber woher kam das Robin-Hood-Gefühl? Hat Apple das propagiert? Oder haben die allseits kritisierten Fan-Boys es hochstilisiert? Wohl eher zweiteres. So dürfte die Kritik an einer Marke, die allem voran ein börsennotierter Konzern mit rund 14.000 Mitarbeitern ist und Geld verdienen will, verpuffen. Oder soll ich jetzt Shell kritisieren, weil ich mit meinem verrosteten VW-Bulli nicht mehr dasselbe Wir-Gefühl habe wie früher, als ich mit meinen Kumpeln einfach losgefahren bin und wir das Leben in vollen Zügen genossen haben?

Vielleicht sollte Hajo das auch tun. Das Leben genießen. Und bei Verbindungsproblemen mit dem iPhone (“Jedes zweite Gespräch reißt ab.”) oder der Suche nach dem “Exoten-Programm” Keynote (hier der Appstore-Link) den AppleCare Help Desk aufsuchen. Und nicht Spiegel Online für größtenteils haltlose Produkt-Polemik nutzen. Denn eigentlich war dieser Text nur die Beichte eines Fans, der auf der iPhone-Welle mitgeschwommen ist, an sich selbst. Ein Jammer, dass der Beichtstuhl einen Social-Media-Zugang hatte.

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