12LVE: iPhone-Killen als Kunstform

Zerstörung in der Kunst war schon immer Mahnung und Hommage zugleich. Auch Michael Tompert hatte Tieferes im Sinn, als er ein Dutzend Apple-Geräte mit Hammer, Säge oder Handfeuerwaffe malträtierte. Das fotografische Protokoll seiner Antwort auf den Hype um iPad, Mac und Co ist weltweit als Ausstellung zu bewundern.

Das iPad hat es ihm nicht leicht gemacht. Weder Hammerschläge noch die Bearbeitung mit anderen stumpfen Gegenständen konnten das Tablet nennenswert zerstören. Erst als Michael Tompert den Lötkolben ansetzt, zerschmilzt das Display unter der glühenden Hitze und legt die Platine frei. Ein letztes Foto hält den Anblick fest. Jetzt hängt Burning Books neben elf anderen Abbildungen zerstörter Apple-Geräte als Teil der Ausstellung 12LVE in der Whitespace Gallery in Palo Alto, Kalifornien. „Das ist mal eine andere Perspektive“, sagt Tompert. „Diese Geräte sind auch von innen schön. Und es gefällt mir, das aus ihnen herauszuholen.“

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Die Methoden, die der gebürtige Stuttgarter dabei anwendet, sind alles andere als zimperlich. Mal kommt ein Hammer zum Einsatz, mal eine Säge. Ein iPod nano musste unter den Rädern einer Diesellokomotive dran glauben. So verschieden die Methoden und Geräte sind, eine Sache bleibt immer gleich: „Es müssen nagelneue Apple-Geräte sein“, sagt Tompert. Es gehe ihm nicht darum, etwas Altes zu zerstören. „Es geht um unsere Beziehung zu dem Neuen.“

9 Millimeter vs. iPhone

Auf die Idee zu diesem ungewöhnlichen Kunstprojekt kam der 48-Jährige, nachdem er seinen beiden Söhnen jeweils einen iPod touch zu Weihnachten geschenkt hatte. Als sie wegen einer App in Streit gerieten, nahm er ein Gerät und warf es auf den Boden. „Ich wollte ihnen zeigen, dass es sich nur um ein blödes Ding handelt.“ Stattdessen entdeckte er in dem zerbrochenen Display und der heraustropfenden Flüssigkeit eine eigene Ästhetik. Tompert
fotografierte die Überreste und vergrößerte das Motiv. „Meine Frau meinte, ich solle daraus etwas machen.“ Das war der Anfang eines recht kostspieligen Kunstprojekts. Über ein Jahr kaufte Tompert aktuelle Apple-Produkte und überlegte zusammen mit Paul Fairchild, einem befreundeten Fotografen, geeignete Destruktions- und Fotografie-Techniken. Um beispielsweise einem iPhone 3G den Rest zu geben, durchschossen sie das Gerät mit einer 9 Millimeter Heckler & Koch. Die gleiche Pistole durchsiebte wenig später ein MacBook Air mit zwölf Schüssen. Die Überreste der Geräte setzten sie vor einen weißen Hintergrund, ganz im Stil der Apple-Werbung.

Pikantes Detail: Tompert selbst hat jahrelang für Apple gearbeitet.

1984 zog er aus Deutschland in die USA und machte an der Academy of Art in San Francisco seinen Abschluss als Grafikdesigner. Er verfeinerte seine 3D- und Photoshop-Kenntnisse und machte sich durch seinen fotorealistischen Stil im Silicon Valley einen Namen. Anfang 2002 holte ihn Apple ins Grafikdesign-Team nach Cupertino. Für Produkte wie den G5, den iPod, iTunes, iLife, Panther und Tiger entwarf Tompert Icons, Logos oder Bilder von Prototypen. 2005 gründete er das Raygun Studio für Projekte in den Bereichen Fotografie sowie digitale Bildbearbeitung und -kreation.

Bewunderung vs. Konsumkritik

12LVE ist aber nicht als Abrechnung mit Apple zu verstehen. „Ich bin Apple-Fan der ersten Stunde und habe nichts als Bewunderung für die Produkte übrig“, sagt Tompert. Gleichzeitig geht es ihm darum, diese Bewunderung infrage zu stellen. „Das Design der Apple-Produkte ist so klar und einfach – jeder ist verrückt danach. Ich will den Leuten sagen: Entspannt euch, lasst uns sehen was drinsteckt.“ Tompert ist nicht der Erste, der in der Zerstörung die Kunst entdeckt. Raphael Montañez Ortiz, einer der Hauptinitiatoren der sogenannten „Destruktionskunst“ Ende der 1950er Jahre, zertrümmerte einst ein Klavier.

Gustav Metzger bemalte Leinwände mit Säure, sodass diese sich sofort aufzulösen begannen. Oder Pete Townshend: Der Leadsänger der Rockband The Who beendete Konzerte oft damit, dass er gemeinsam mit Schlagzeuger Keith Moon das Instrumentarium der Band in Einzelteile zerlegte. Ob Kapitalismuskritik oder billiger Schockeffekt – das Motiv der Destruktion spielt eine zentrale Rolle in der Kultur des 20. Jahrhunderts.

Auch Tomperts Werk wohnt – gewollt oder nicht – mehr inne, als lediglich das Entblößen der inneren Schönheit. „Die Werke sagen eine Menge über die Überhöhung der Apple-Produkte aus“, sagt Vinnie Chieco, ein ehemaliger Mitarbeiter von Apple. „Zuerst bist du bestürzt und fragst dich: ‚Wie konnte er das tun?‘ Aber dann wird dir klar, dass es nur ein verdammtes Produkt ist, das in einem Jahr veraltet. Es bringt die Leute dazu, über diese Dinge nachzudenken.“ Letztlich sei 12LVE eine Hommage an Apple, und es würde ihn nicht wundern, wenn Steve Jobs eines der Bilder kaufen und im Unternehmen aufhängen würde.

Der Weg zu Apple ist nicht weit. Mit dem Auto liegt die Whitespace Gallery vom Hauptquartier keine zehn Minuten entfernt. Die großen Prints der Ausstellung sind auf drei Stück limitiert und kosten bis zu 24 000 US-Dollar. Ein paar Motive habe er schon verkauft, „insofern scheint das der richtige Platz für 12LVE zu sein“, sagt Tompert. Er könne sich aber auch vorstellen, mit den Bildern nach Deutschland zu kommen. Es gäbe bereits Gespräche mit einem Kunstmuseum und einer Galerie.

12LVE nur im Internet auszustellen und via E-Commerce zu verkaufen, widerspräche Tomperts Intention. „Das Dutzend ist ein Überbleibsel einer vergangenen, prädigitalen Zeit“, erklärt er. „Es ist eine ‚natürliche’ Zahl, die bisher dem Metrikwahn, der totalen Digitalisierung unseres Lebens auf dem Ziffernblatt der Uhr und dem Zollstock des Handwerkers standhalten konnte.“ Insofern sei 12LVE auch eine Hommage an Schriftsatzmaße wie Cicero und Pica, eine Hommage an eine einfachere Zeit, in der man Gegenstände, Kunst und Musik machte und nicht einfach konsumierte. Tompert: „Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis die Stunde in 100 Minuten geteilt wird und der Tag 100 Stunden hat.“

Die Bilder sind momentan in der Ausstellung “Stylectrical. Von Elektrodesign, das Geschichte schreibt” im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bis zum 15. Januar 2012 zu bewundern.

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